Veterinärin Pamela Peters von der Pferdeklinik Mühlen klärt im Interview grundlegende Fragen zum Ablauf der Besamung und Trächtigkeit.

Pamela Peters ist Tierärztin an der Pferdeklinik Mühlen. Ihre Fachgebiete sind Gynäkologie, Neonatologie, Geburtshilfe und Andrologie. Hinzukommen Spezialisierungen für Chiropraktik und Akupunktur.

Ich möchte mit meiner Stute züchten – ab wann kommt der Tierarzt ins Spiel?

“Als Besitzer sollte ich mir zunächst die Frage stellen, ob ich es bisher bemerkt habe, wann meine Stute rossig war. Erkenne ich die Anzeichen deutlich?

Dann lasse ich den Tierarzt einmal zum „Rund-um-Check“ kommen. Ist alles in Ordnung? Ist die Gebärmutter gesund? Sind die Eierstöcke normal? Gibt es irgendeinen Ausfluss? Hier kann man dann auch sehen, ob die Stute gerade rossig ist – und natürlich auch abschätzen, wann die letzte Rosse war.

Wenn die Stute gerade rossig ist, kann ich direkt eine Tupferprobe machen lassen. Für die Untersuchung an der Gebärmutter und den Eierstöcken wird ein Ultraschall gemacht – hier kann man sehr genau erkennen, ob ein Gelbkörper vorhanden ist oder vielleicht Flüssigkeit in der Gebärmutter ist. Oder auch ob Zysten vorhanden sind.

Ein Gelbkörper ist ein Funktionskörper auf dem Eierstock. Dieser bildet das Trächtigkeitshormon Progesteron, das für die Aufrechterhaltung der Trächtigkeit zuständig ist.”

Was ist eine Tupferprobe und warum ist diese wichtig?

“Die Tupferprobe ist eine Untersuchung der Gesundheit der Gebärmutter. Oft wird diese auch bakteriologische Untersuchung genannt. An ihr kann man erkennen, ob die Stute sauber ist oder nicht. Sauber bedeutet in diesem Fall, dass keine krankmachenden Bakterien vorhanden sind und die Stute so gedeckt werden dürfte. Wenn z.B. E. Coli oder Streptokokken gefunden werden, sollte die Stute in dieser Rosse nicht besamt werden. Genauso kann man aber auch Pilze bei einer Tupferprobe finden.

Wenn die Tupferprobe negativ ist, kann die Stute gedeckt werden.”

Und wann muss ich eine Tupferprobe machen?

“Allgemein kann man sagen, dass zu Beginn der Rosse eine Tupferprobe gemacht werden sollte, da zu diesem Zeitpunkt der Muttermund offen ist.

Und dann gibt es natürlich noch bestimmte Stuten, bei denen eine solche Untersuchung wichtig ist – dies wäre z.B. eine güste Stute. Eine güste Stute ist eine Stute, die im Jahr zuvor schon besamt wurde, jedoch nicht tragend geworden ist, also kein Fohlen bei Fuß führt. Oder auch eine ältere Stute, die noch nie gedeckt wurde, kann man als güst bezeichnen.

Junge Stuten – also 3- und 4-jährige – die noch nie ein Fohlen hatten, und Stuten mit Fohlen bei Fuß müssen normalerweise nicht getupfert werden. Dafür gibt es dann entsprechende Richtlinien der einzelnen Hengststationen.”

Was bedeutet anspritzen?

“Anspritzen ist umgangssprachlich und bedeutet, dass man hormonell auf die Stute einwirkt, damit sie in Rosse kommt. Zum Anspritzen ist es immer erforderlich, dass ein Gelbkörper vorhanden ist. Da man diesen sozusagen hormonell auflösen will.”

Wie kann ich die Rosse meiner Stute fördern?

“Sicherlich sollte die Stute in einem guten gesundheitlichen Allgemeinzustand und natürlich auch Futterzustand sein. Dies ist auch für eine gute Rosse bei der Stute wichtig. Zusätzlich hilft es, wenn die Stute viel Licht bekommt – also so viel wie möglich rauskommt, viel Bewegung hat, viel in der Sonne steht.

Man kann auch einen Stimulus durchführen – das bedeutet, dass die Stute durch einen Hengst „animiert“ wird. Das geht meist sehr schnell. Oft kann man dies schon in gemischten Herden beobachten, in denen hengstige Wallache stehen.”

Wie kann ich die Trächtigkeit unterstützen?

“Es gibt immer wieder Stuten, die Probleme mit dem Gelbkörper haben. Das heißt, dass sie Probleme haben, das Hormon Progesteron zu produzieren. Dies ist jedoch sehr wichtig, um die Trächtigkeit aufrechtzuerhalten. Der Gelbkörper bildet bis etwa zum 100. Tag der Trächtigkeit das Progesteron, danach wird es in der Plazenta gebildet. Wenn bekannt ist, dass die Stute in den ersten hundert Tagen dazu neigt, das Fohlen zu verlieren, kann ich sie hormonell durch die Gabe von Altrenogest (Regulate®) unterstützen.

Am kritischsten sind die ersten 40 Tage der Trächtigkeit. In dieser Zeit muss der Embryo wachsen, sich irgendwo festsetzen, in die Schleimhaut einwachsen – und bereits am 26. Tag kann man einen Herzschlag per Ultraschall sehen.”

Wann muss ich meine Stute besamen lassen?

“Der Besamungszeitpunkt ist unterschiedlich, je nach dem, womit ich besamen möchte. Natursprung? Frischsamen? Tiefgefrier-Samen?

Bei Frischsamen sollte man möglichst dicht an den Eisprung heran besamen. Es kann allerdings auch sein, dass ich dies nach zwei Tagen noch einmal wiederholen muss. Einfach um sicherzugehen, dass man – ganz plump gesagt – während des Eisprungs auch wirklich Sperma in der Stute hat.

Wenn man mit TG-Samen besamen möchte, ist es etwas anders. Da besamt man in einem Zeitraum von 6 Stunden vor dem Eisprung bis zu 6 Stunden nach ihm. Am optimalsten ist es natürlich so nah wie möglich an den Eisprung zu besamen. Der Zeitrahmen ist also deutlich kleiner und man besamt auch nur einmal während einer Rosse.”

Welcher Samen ist besser für meine Stute? Frischsamen oder Tiefgefrier-Samen?

“Dies ist eigentlich in erster Linie vom Hengst abhängig. Bei einer jungen Stute kann man aber sagen, dass sowohl Frisch- als auch Tiefgefrier-Samen erfolgsversprechend sind. Bei einer älteren Stute ist dies schon entscheidender. Hier würde ich lieber mit Frischsamen besamen.”

Was ist ein Follikel?

“Das ist die Eiblase. Ein mit Flüssigkeit gefüllter Hohlraum auf dem Eierstock. Hier ist die Eizelle drin. Beim Eisprung reißt die Blase auf und das Ei wandert in den Eileiter und wird dort befruchtet.

Ein reifer Follikel bildet das Hormon Östrogen. Dieses ist für die Ausprägung der Rosse-Anzeichen maßgeblich verantwortlich.

Der Bereich auf dem Eierstock, auf dem der Follikel gesessen hat, die so genannte Follikelhöhle, füllt sich anschließend mit Blut und wandelt sich in den wichtigen Gelbkörper. Dieser trägt auch dazu bei die Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung der befruchteten Eizelle vorzubereiten.”

Wie oft und wann sollte ich den Follikel kontrollieren lassen?

“Dies kommt auf die Besamungsart an. Bei Frischsamen guckt der Tierarzt im zwei Tages Rhythmus, wie weit der Follikel ist.

Bei Tiefgefrier-Samen kontrollieren wir im Gegensatz dazu 5-6 mal täglich! Dies ist so wichtig, weil wir sichergehen müssen, dass wir auch den Eisprung erwischen.

Nach der Besamung kontrolliert man mit einem Ultraschall wieder die Gebärmutter. Wenn z.B. Flüssigkeit in der Gebärmutter ist, muss diese „raus“. Hier arbeitet man im Normalfall mit Hormonen. Je nach Menge der Flüssigkeit kann es jedoch auch sein, dass die Gebärmutter gespült werden muss. Aber keine Sorge, dies ist nicht schmerzhaft für die Stute.”

15. Tag der Trächtigkeit

25. Tag der Trächtigkeit, Fruchtanlage sichtbar

Woran kann es liegen, dass meine Stute nicht tragend wird?

“Es kann daran liegen, dass die Stute nicht sauber ist – wenn also eine positive Tupferprobe vorliegt. Es kann aber auch sein, dass sie eine schlechte Gebärmutterschleimhaut hat. Das kann man mittels einer Biopsie der Schleimhaut untersuchen lassen.

Wenn die Stute auf Besamungen mit viel Flüssigkeit in der Gebärmutter reagiert, kann dies auch ein Problem sein. Oder dass sie zu wenig Gelbkörper-Hormon oder auch schlechte Eizellen produziert. Auch äußerliche Umstände, die bei der Stute Stress verursachen, können ausschlaggebend sein.

Natürlich kann es auch sein, dass das Sperma schlecht war. Und es gibt auch einfach Fälle, bei denen man sagen kann, dass es genetisch einfach nicht passt – also zwischen Stute und Hengst. Das ist aber natürlich schwierig nachweisbar.”

Wann kann die Trächtigkeit meiner Stute bestätigt werden?

“Die Trächtigkeitsuntersuchung wird nach 14 bis 16 Tagen nach der Besamung per Ultraschall durchgeführt. Normalerweise wird dies genau am 16. Tag gemacht. An diesem kann man sehen, ob eine Fruchtblase vorhanden ist oder sich der Gelbkörper gerade wieder auflöst und damit die nächste Rosse eingeleitet wird.”

Zwillingsgefahr! Was bedeutet das und was kann man tun?

“Von Gefahr spricht man, da Stuten einfach nicht dazu gemacht sind, Zwillinge zu auszutragen.

Bei der Zwillingsgefahr gehen wir davon aus, dass mehr als ein Fruchtblase während der Besamung vorhanden war. Wenn man diese Vermutung hat, wird die Stute am 14. Tag nach der Besamung kontrolliert. Die Fruchtblasen sind zu diesem Zeitpunkt noch klein – hier sprechen wir von einer Größe zwischen 1,5 -1,7 cm. Sobald sie in der Gebärmutter sind, bewegen diese sich – so weiß die Stute auch, dass sie tragend ist. Man kann wirklich stündlich nachschauen und wird sehen, dass die Fruchtblasen immer woanders liegen als noch eine Stunde zuvor. Bis zum 16. Tag bewegen sie sich frei voneinander. Danach „kleben“ sie aneinander – und das macht es schwierig, eine Fruchtblase zu „zerstören“. Dies muss man tun, um die Zwillingsgefahr ausschließen zu können. Welchen man abdrückt, entscheidet man nach der Lage der Fruchtblasen. Ein guter Zeitpunkt ist der, an dem die beiden so weit wie möglich voneinander entfernt sind. Denn so ist die Gefahr am geringsten, beide abzudrücken.”

Die Trächtigkeit meiner Stute wurde bestätigt. Was ist jetzt das Beste für meine Stute?

“Das kann ganz unterschiedlich sein. Viele reiten ihre Stute noch weiter – teilweise bis zum 4. Monat. Aber auch das ist natürlich von Stute zu Stute anders. Wichtig ist einfach, dass die Stute keinem Stress ausgesetzt wird. Entwurmung und Impfung sollte weiter erfolgen, denn die Antikörper werden so ja auch an das Fohlen über die Muttermilch weitergegeben.”

Welche Hilfsmittel kann ich zur Überwachung vor Geburtseintritt nutzen?

“Man kann natürlich einfach im Stall schlafen – kostengünstig, aber auch sehr anstrengend. Es gibt Bauchgurte, z.B. den Wächtomat. Diese lösen einen Alarm aus, wenn die Stute länger in einer liegenden Position verharrt, so wie sie es in den Wehen tun würde. Diese Bauchgurte werden meist mit einer Kamera im Stall kombiniert, denn oft kann es auch einfach ein Fehlalarm sein. Z.B. wenn die Stute Stellungswehen hat, aber die Geburt damit noch nicht eingeleitet wird. Der Nachteil bei einem solchen System ist natürlich, dass es nicht auslöst, wenn die Stute im Stehen abfohlt. Dies machen nicht viele, aber es kann natürlich passieren. Auch Systeme, die die Schweißproduktion der Stute überwachen, können nutzlos sein, wenn die Stute bei der Geburt nicht stark schwitzt.

Dann gibt es noch Halfter mit einem Sensor, die auch die Liegeposition der Stute überwachen. Hiervon halte ich persönlich aber nicht viel, da ein Halfter auch mal verloren werden kann – und natürlich in der Box auch eine Gefahrenquelle ist.

Wer eine nahezu hundertprozentige Kontrolle der Stute bevorzugt, kann vom Tierarzt ein Scheiden-Kontrollsystem anbringen lassen. Dabei wird der Sender an den Schamlippen der Stute angenäht. Kommt es zur Eröffnungsphase der Geburt, wird der auslösende Magnet vom Sender getrennt und löst den Alarm aus. Zahlreiche Tierkliniken und große Zuchtställe schwören darauf.”

Was ist während der Geburt zu beachten?

“Eine Pferdegeburt ist schnell bzw. sollte immer schnell sein. Die Austreibungsphase liegt bei nur 3 bis 5 Minuten. Wenn man merkt, dass es nicht „voran geht“, sollte man den Tierarzt einschalten.

Man kann natürlich helfen indem man mitzieht. Wichtig ist jedoch, mit den Wehen zu ziehen – also nur dann, wenn die Stute presst.”

Meine Stute hat gefohlt. Wann kann ich Sie wieder besamen?

“Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Reintheoretisch könnte man die Stute schon noch während der sogenannten Fohlenrosse wieder besamen. Eine Fohlenrosse ist die erste Rosse nach der Geburt. Je nach Jahreszeit ist das schon 8 bis 12 Tage nach der Geburt! In der Fohlenrosse wird jedoch nur mit Frischsperma besamt. Man muss aber auch sagen, dass Stuten, die zu diesem Zeitpunkt besamt werden, ein höheres Risiko haben, ihr Fohlen in den ersten 40 Tagen wieder zu verlieren.”

Kontakt
Pamela Peters

Tierärztin, Partnerin der Tierärztlichen Klinik für Pferde Mühlen

Tel.: +49 5492 1394

E-Mail: info@pferdeklinik-muehlen.de