Nachfolgend soll kein veterinärmedizinisches Halbwissen vermittelt werden – es geht vielmehr um eine vernünftige, zielgerichtete Betrachtung und Beobachtung des Pferdes auch hinsichtlich gesundheitlich relevanter Veränderungen. Bei genügender Sachkenntnis und Aufmerksamkeit wird der Kaufinteressent weitere wertvolle Informationen erhalten und sich ein umfassenderes Bild machen können. Fallen dabei Veränderungen, Normabweichungen oder Mängel auf, die der Kaufinteressent persönlich – vielleicht auch unabhängig von ihrer tatsächlichen gesundheitlichen Bedeutung – nicht zu tolerieren bereit ist, so erübrigt sich natürlich eine tierärztliche Kaufuntersuchung.

Andererseits soll nachdrücklich gewarnt werden, auf eine tierärztliche Untersuchung deshalb zu verzichten, weil man derartige Veränderungen nicht feststellen konnte.

Die Gesundheitsprüfung beim Pferd

Die nachfolgend beschriebenen Beobachtungen und Untersuchungen können überwiegend im Rahmen einer sorgfältigen Pferdebeurteilung, quasi ’nebenbei‘ durchgeführt werden. Sie sind weder aufwendig noch zeitraubend, erfordern jedoch zielgerichtete Aufmerksamkeit,etwas Sachkunde und Übung.

 

Im Rahmen der Beobachtungen des Pferdes im Stall erhalten wir bereits einen Überblick über den Allgemeinzustand, den Ernährungszustand und den Pflegezustand des Pferdes.

Verhalten, Allgemeinzustand

Einige Untugenden, wie das Schlagen gegen Boxenwände, Gitterwetzen, Bearbeiten der Boxenwände mit den Zähnen aus Futterneid oder aus anderen Gründen, hinterlassen erkennbare Spuren in der Box. Andere Untugenden, wie Koppen oder Weben, können häufig erst durch wiederholtes Beobachten des Pferdes über einen längeren Zeitraum erkannt werden. Auch das allgemeine Verhalten des Pferdes gegenüber bekannten und fremden Personen wird man registrieren. Wirkt das Pferd ruhig, gelassen und interessiert oder eher nervös oder sogar ängstlich, erscheint es abgestumpft und müde oder zeigt es sich vielleicht aus irgendwelchen Gründen aggressiv?

Ernährungszustand, Pflegezustand

Der Ernährungs- und auch der Pflegezustand des Pferdes müssen dem Alter und der bisherigen Verwendung des Pferdes entsprechen. Ein 2- oder 3-jähriges Pferd, das gerade die Weidesaison hinter sich hat, kann und soll nicht aussehen wie ein 8-jähriger Sportler. Ein im Winter nicht eingedecktes Freizeit- oder auch Sportpferd wird vielleicht nicht ganz so glatt aussehen wie ein Pferd, das immer unter Decken steht. Es ist deshalb jedoch nicht weniger gepflegt und schon gar nicht weniger leistungsfähig oder gesund – eher im Gegenteil! Keinesfalls soll das Haarkleid stumpf und ungesund wirken. Die Hufe müssen auch und gerade bei jungen Pferden gepflegt, nicht jedoch eingefettet sein.

Betrachtung von der Seite

An dem zur Exterieurbeurteilung aufgestellten Pferd achtet man zugleich auch auf Kontur veränderungen, die hervorgerufen werden können durch Veränderungen an Knochen oder Weichteilen. Hierzu gehören Einziehungen, Auftreibungen, Verdickungen oder Neubildungen an Kopf, Hals, Rumpf oder Gliedmaßen. So sind z.B. im Bereich des Gesichtsschädels Knochenauftreibungen oder Impressionen möglich. Im Bereich des Genicks kann eine sogenannte Genickbeule in Folge einer chronischen Schleimbeutelentzündung vorliegen. Auch im Bereich der Hals-Rücken- oder Kruppenmuskulatur können Konturveränderungen erkennbar sein. Hierzu gehören z.B. Eindellungen (Vernarbungen) oder eine auffallend veränderte Muskelausprägung. Verstärkte Unterhalsmuskulatur und/oder eine verminderte oder asymmetrische Ausprägung der Rückenmuskulatur können mitunter deutliche Hinweise auf langfristige Ausbildungsmängel und damit verbundene, auch gesundheitliche Probleme geben.

An den Gliedmaßen können Gelenks- oder Sehnenscheidengallen, knöcherne Zubildungen an Zehengelenken (Schale), ein sogenannter Bogen infolge chronisch entzündlicher Veränderungen im Beugesehnenbereich, ebenso Stollbeule, Piephacke, Hasenhacke etc. erkennbar sein.

Betrachtung von vorne

Besonders wichtig ist ein genaues Beobachten des Pferdekörpers von vorne und hinten unter dem Gesichtspunkt der Symmetrie.

  • Sind beide Körperhälften gleichmäßig bemuskelt?
  • Sind beide Gesichtshälften einschließlich Ohren, Augen, Nüstern und knöcherner Anteile symmetrisch? Oder erscheint z.B. ein Auge kleiner, geschlossener, eine Nüster schmaler, ein Ohr hängend, während das andere aufgestellt werden kann? Sind an einer Seite des Kopfes (Oberkiefer, Ganaschen) Auftreibungen erkennbar? Ist die Kaumuskulatur symmetrisch ausgebildet? Hält das Pferd den Kopf gerade oder permanent geringfügig schief?
  • Sind Hals, Brust und Unterarme gleichmäßig bemuskelt? Die möglichen Ursachen für Asymmetrien in diesem Bereich sind vielfältig und reichen von Erkrankungen der Zähne oder der Augen über Nervenerkrankungen bis hin zu Einschränkungen der Beweglichkeit des Kiefergelenkes, des Genicks oder eines Halswirbelgelenkes.
  • Steht das Pferd gleichmäßig und gerade? Eine Senkrechte durch die Mitte des Schultergelenkes soll die Gliedmaße halbieren. Jede Abweichung von der Senkrechten führt zu einer übermäßigen Beanspruchung bestimmter Gelenkabschnitte und der entsprechenden Seitenbänder.
  • Erscheinen beide Vorder- und Hinterhufe jeweils gleich groß, gleich weit und ähnlich geformt? Vorsicht bei ungleich geformten Hufen. Sie sind selten angeboren, sondern überwiegend Hinweis auf eine ungleichmäßige Belastung der Gliedmaßen, i.d.R. einer Gliedmaßen diagonale. Auch dann, wenn ein Pferd eine Gliedmaße kaum erkennbar über einen längeren Zeitraum schont, wird der Huf der betroffenen Seite, oft der betroffenen Diagonale, allmählich kleiner und schmaler gegenüber der mehr belasteten anderen Seite oder Diagonale.

Betrachtung von hinten

  • Steht das Pferd gleichmäßig und gerade? Ein vom Sitzbeinhöcker auf die Standfläche gefälltes Lot sollte die Gliedmaße in zwei Hälften teilen. Abweichungen führen auch hier natürlich zu ungleichmäßiger Belastung, insbesondere im Bereich des Sprunggelenkes.
  • Ist die Muskulatur, insbesondere die der Kruppe gleichmäßig ausgebildet? Asymmetrie weist auf ungleichmäßige Belastung hin.
  • Sind die Kreuzbeinhöcker auf gleicher Höhe? Asymmetrie kann hier auf Muskelspasmen infolge einer Instabilität des Kreuzdarmbeingelenkes hinweisen.
  • Steht das Becken gerade oder ist ein Beckenschiefstand erkennbar?
  • Sind die Hüfthöcker auf gleicher Höhe und gleich ausgebildet? Die sogenannte abgeschlagene Hüfte, eine asymmetrische Hüfthöckerausprägung, bei der eine Seite flacher als die andere erscheint, ist typische Folge einer vorangegangenen Hüfthöckerfraktur, die ohne weitere Folgen ausgeheilt sein kann.
  • Sind im unteren Gliedmaßenbereich einseitig vorhandene Schwellungen, Auftreibungen oder vermehrte Füllung von Sehnenscheiden oder Gelenken erkennbar?

In der Bewegung

Wenn das Pferd vorgetrabt und seinem Leistungsniveau entsprechend geritten oder gefahren wird, wird man den Bewegungsablauf, die Gliedmaßenführung und Fußung genau beobachten. Eventuelle Unregelmäßigkeiten des Bewegungsablaufes können mitunter nur in den Wendungen oder auch nur beim Übergang vom Trab zum Schritt oder zum Halten für kurze Momente erkennbar werden. Auffälligkeiten der Atemtechnik oder Atemgeräusche wird man am ehesten bei einem unter dem Reiter galoppierenden Pferd wahrnehmen.

Bei genügend Erfahrung kann man abschließend auch einmal an das Pferd herantreten und es sich etwas näher anschauen. Man lässt sich beide Vorder- und auch die Hinterfüße aufheben, so dass die Huf- und Hufhornqualität beurteilt werden kann. Sind die Hufe innen genügend geräumig und von regelmäßiger Form? Oder sind sie vielleicht eng, schief oder flach? Sind die Hufwände fest, glatt und glänzend oder ausgebrochen und spröde. Sind Hufringe oder Hornspalten erkennbar? Wie sind Strahl und Hufsohle ausgebildet ?

Der regelmäßig geformte Huf              Der unregelmäßig geformte Huf

 

 

 

 

Unregelmäßigkeiten der Hufform

Abb. 1:

Konturveränderung: Krongelenksschale (bleibende Verdickung durch Verknöcherung infolge chronisch deformierender Erkrankung des Krongelenkes)

Abb. 2:

Konturveränderung: Nicht immer sind Überbeine so deutlich sichtbar.

Unregelmäßigkeiten der Hufform              Hufkapselveränderungen

Ist und wenn ja, warum und wie ist das Pferd beschlagen? Handelt es sich um Spezialbeschläge? Auch Verletzungen/Vernarbungen an Kronrand oder Hufballen sind möglicherweise erkennbar.

Das stehende oder das aufgehobene Bein kann man einmal systematisch und zügig von unten nach oben abtasten. Dabei werden Narbenbildungen, Überbeine, Verdickungen und Verwachsungen im Bereich der unmittelbar unter der Haut liegenden, gut fühlbaren Beugesehnen, eine vermehrte Füllung von Gelenken und/oder Sehnenscheiden (Gallen) oder auch knöcherne Auftreibungen im Bereich der Gelenke auffallen.

Überbeine entstehen bei jungen Pferden bevorzugt an den Vordergliedmaßen und hier besonders häufig innen (medial) zwischen Röhrbein und Griffelbein. Ihre Entstehung kann mit frühzeitiger oder übermäßiger Belastung bzw. mit verminderter Belastbarkeit infolge von Stellungsanomalien, auch mit Belastungsänderungen, seltener mit Griffelbeinfrakturen zusammenhängen. Nicht alle Überbeine sind sichtbar, sie müssen auch nicht seitlich lokalisiert sein, sondern können sich ebenso an der hinteren (palmaren) Seite von Griffelbein und Röhrbein finden, wo sie durch Kontakt mit dem Fesselträger zu Lahmheiten führen können.

Gerade das Abfühlen der Gliedmaßen erfordert anatomische Grundkenntnisse und Übung, die erfahrene Reiter durch das regelmäßige Abfühlen der mehr oder weniger gesunden Beine ihrer Pferde vor und nach dem Reiten erlangt haben sollten. Völlig überflüssig ist es dagegen, als Kaufinteressent ungeübt und ohne Gefühl für das ‚Normale‘ an einem Pferd herumzutasten.

Die Hinterbeine werden prinzipiell in ähnlicher Weise untersucht. Veränderungen treten hier bevorzugt an den großen Belastungen ausgesetzten Sprunggelenken auf, und zwar in Form von vermehrter Füllung (Galle) und/oder in Form von knöchernen Zubildungen (Spat). Gelegentlich findet sich am Fersenhöcker eine als Piephacke bezeichnete Umfangsvermehrung. Eine bei seitlicher Betrachtung des Sprunggelenkes erkennbare Ausbuchtung im Bereich des hinteren (plantaren) unteren Sprunggelenkes wird als Hasenhacke (Kurbe, Hasenspat) bezeichnet. Sie kann angeboren oder erworben sein und je nach Ursache unterschiedliche gesundheitliche Relevanz haben.

Die bedeutendste Erkrankung des Sprunggelenkes ist der Spat, eine ein- oder beidseitig auftretende chronisch degenerative Erkrankung der straffen Gelenke des Tarsus, die besonders bei Reitpferden und Trabern vorkommt.

‚Wer scheut ein wenig Spat und Gall, kriegt nie ein gutes Pferd in den Stall‘, ist wie viele dieser Redensarten doppeldeutig und kann daher nur bedingt angenommen werden. Die typischen Spatauftreibungen sind gelegentlich als mehr oder weniger große, schmerzlose, harte Verdickungen im unteren Drittel der Innenfläche des Sprunggelenkes, am Übergang zum Röhrbein erkennbar. Die Grenze zwischen einem gesunden, stark abgesetzten Sprunggelenk und einer Spatauftreibung ist jedoch nicht immer sicher zu ziehen. Hinzu kommt, dass bei vielen spatkranken Pferden kaum erkennbare oder keine dieser sogenannten Spatexostosen bestehen. Andererseits können gerade ältere Pferde mit funktionell völlig gesunden Sprunggelenken, Veränderungen in diesem Bereich aufweisen, die ein Ergebnis physiologischer Umbauvorgänge darstellen.

Nach den Gliedmaßen kann das ganze Pferd, am Kopf beginnend, etwas näher betrachtet werden. Hier achtet man auf eventuelle Hautveränderungen wie Narben, Verdickungen oder Verhärtungen, Verschwielungen insbesondere an Nasenrücken, Maulwinkel und Kinnkettengrube oder Warzen an Maul, Nüstern, Augen oder Ohren.

Die Augen sieht man sich besonders gut an. Sind sie gleich groß, erscheinen sie unverändert, klar und glänzend, ohne vermehrten Tränenfluss? Sind die Augenlider beider Augen unverletzt?

Sind die Nüstern frei von auffälligem Sekret, oder ist ein- oder beidseitiger Nasenausfluss zu erkennen? Bei einem kurzen Blick ins Maul, werden Überbeißer und Wetzergebisse nicht übersehen, aber auch Verletzungen oder Narbenbildungen der Zunge, Ladendruck oder Lähmungen der Unterlippe werden spätestens dabei festgestellt werden können.

Die Bestimmung des Alters eines Pferdes nach den Zähnen erfordert neben theoretischen Kenntnissen auch etwas Übung. Es gibt zu diesem Thema zahlreiche ausführliche Abhandlungen, nachfolgend soll vereinfacht und möglichst einprägsam darauf eingegangen werden. Aus verschiedenen Gründen können bei der Zahn-Altersbestimmung Abweichungen vom tatsächlichen Alter, besonders bei älteren Pferden auftreten. Relativ genau ist diese Schätzung bei Pferden bis zum Alter von 12 Jahren möglich, sofern keine Gebissanomalien vorliegen und kein ungewöhnlicher Abrieb z.B. durch Krippensetzen (Koppen) stattfindet.

Kleinpferde sind durch den späteren Durchbruch der Milchzähne und den etwas langsameren Abrieb der bleibenden Zähne meist etwas älter als nach den Zähnen geschätzt wird.

Für die Altersbestimmung besonders relevant sind die jeweils sechs Schneidezähne des Ober- und des Unterkiefers, deren Bezeichnung unten stehender Abbildung zu entnehmen ist. Durchbruch der Milchschneidezähne Als Richtlinie kann man sich merken, dass die Milchschneidezähne bei Fohlen etwa im Alter von 6 Tagen (I 1), 6 Wochen (I 2) und 6 Monaten (I 3) erscheinen. Ein Jährling hat also das vollständige Milchgebiss. Die Backenmilchzähne sind übrigens bereits bei der Geburt vorhanden.

Wechsel der Schneidezähne Die Schneidezähne wechseln dann in Unter- und Oberkiefer im Alter von 2 1/2 (I 1), 3 1/2 (I 2) und 4 1/2 (I 3) Jahren. Im Alter von fünf Jahren hat ein Pferd sein vollständiges, bleibendes Gebiss, einschließlich der für die Altersschätzung unerheblichen Backenzähne. Das Alter eines Pferdes kann danach recht genau durch den Abrieb der sogenannten Kunden festgestellt werden. Dabei handelt es sich um dunkle Zahnschmelzeinstülpungen, die an den Oberkieferschneidezähnen zunächst etwa 14 mm tief, an den Unterkieferschneidezähnen 7 mm tief sind und pro Jahr an jedem Zahn etwa 2 mm abgerieben werden. Man kann sich also nach einem Blick ins Pferdemaul, unter Berücksichtigung von Zahnwechsel und Abrieb, einfach und bis zu einem Alter von etwa 12 Jahren auch recht genau ausrechnen, wie alt ein Pferd ist.

Altersbestimmung nach den Zähnen

Wenn z.B. nur die Kunden der Unterkieferzangen (I 1) bereits abgerieben sind, so muss dieses Pferd etwa 6 Jahre alt sein, denn: die Zangen wechseln mit 2 1/2 Jahren und haben im Unterkiefer 7 mm tiefe Kunden, pro Jahr ist mit einem Abrieb von 2 mm zu rechnen. Die Kunden sind daher etwa nach 3 1/2 Jahren verschwunden. 2 1/2 (Alter bei Zahnwechsel) + 3 1/2 (Dauer des Abriebs für 7 mm bei 2 mm Abrieb pro Jahr) = 6 Jahre (geschätztes Lebensalter).

Die Veränderung der Zahnrichtung

Galvaynsche Rinne (bei etwa 50% der Pferde)

Sind auch die Kunden der Unterkiefereckzähne (I 3) abgerieben, die Kunden aller Oberkieferschneidezähne aber noch vorhanden, muss das Pferd somit etwa 8 Jahre alt sein; denn die Kunden der Oberkieferschneidezähne, nämlich die der Zangen (I 1), können erst mit 9 Jahren verschwunden sein (2 1/2 + 7), während die letzten Kunden der Unterkieferschneidezähne, die der Eckzähne (I 3 ), bereits im Alter von 8 Jahren abgerieben sind (4 1/2 + 3 1/2).

Analog erfolgt die Berechnung, wenn die Kunden der anderen Schneidezähne abgerieben sind. Mit 12 Jahren sind alle Zähne kundenfrei. Nach dem Verschwinden der Kunden bleibt zunächst eine sogenannte Kundenspur sichtbar, schließlich ist in der Mitte der Reibefläche nur noch die Kernspur zu erkennen.

Formveränderung des Schneidezahnbogens

 

 

 

 

 

Formveränderung der Schneidezahnreibflächen

Bei älteren Pferden wird die Altersschätzung etwas ungenauer. Sie orientiert sich dann an Formveränderungen der Schneidezahnreibeflächen, der Gebisswinkelung, des durch die Änderung des Gebisswinkels im Alter von etwa 9 und 18 Jahren entstehenden sogenannten Einbisses und der bei nicht allen Pferden auftretenden Galvaynschen Rinne. Wenn bei der Altersbestimmung auch die Gesamterscheinung des Pferdes berücksichtigt wird, sind grobe Fehlschätzungen kaum möglich.

Nach dem Kopf sehen wir uns Genick, Hals und Rumpf des Pferdes einmal näher an, besonders die Stellen, an denen gelegentlich Veränderungen auftreten können. Das heißt am Genick beginnend (Genickbeule) über den Hals (Hautveränderungen unter der Mähne, Verhärtungen im Verlaufe der Halsvenen) und die gesamte Rückenlinie (Druckstellen, Überempfindlichkeiten, Muskelverkrampfungen, ungleichmäßige Ausprägung der Rückenmuskulatur) bis zum Schweif (schuppige Hautveränderungen, Scheuerstellen, Sommerekzem), auch unter der Schweifrübe (Geschwülste). Wenn man den Schweif anfasst, muss ein bestimmter Tonus fühlbar sein. Völlige Schlaffheit ist hier wie so oft ein sehr ungutes Zeichen. Abschließend kann man mit der Hand einmal an der Brust und unter dem Bauch entlang streichen, ob Narben (Kolikoperationen) oder kleinere Brüche feststellbar sind. Bei Hengstfohlen prüft man zugleich, ob beide Hoden im Hodensack fühlbar sind, bei Wallachen die Kastrationsnarben.

Abschließend soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass es völlig unnötig ist, bemerkte Fehlerchen oder Auffälligkeiten lauthals und womöglich vor Publikum zu rügen. Ist man sich über die gesundheitliche Relevanz einer Veränderung unsicher, so befragt man einen Tierarzt und diskutiert nicht mit dem Verkäufer. Hat man eine Lahmheit oder andere nicht tolerable Erheblichkeiten erkannt, so wird man von diesem Handel Abstand nehmen, ohne sich auf unfruchtbare Erörterungen einzulassen. Dem Verkäufer genügt die einfache Mitteilung, dass man dieses Pferd nicht kaufen möchte – in den allermeisten Fällen kennt er den Grund.

Grundsätzlich sollte man kein krankes und kein kümmerndes Pferd in der Hoffnung auf Besserung kaufen. Ganz besonders nicht aus einem professionellen Handelsstall. Dort ist ganz gewiss alles versucht worden, um dieses Pferd ‚fit‘ zu bekommen.

Ein altes arabisches Sprichwort formuliert diese Empfehlung drastisch:

Lade dir nie ein krankes Pferd auf den Hals; mag man dir auch sagen, das Übel seivorübergehender Art. Gedenke des Spruches unserer Väter: Zu Grunde gerichtet, Sohn eines zu Grunde Gerichteten ist der, welcher ein Pferd kauft, um es zu heilen.Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Wenn man ein so brennendes Interesse an gerade diesem Pferd hat, sollte man das Kaufgeschäft aufschiebend oder auflösend bedingt abschließen oder bezüglich der Ausheilung eine konkrete Garantievereinbarung treffen.

Lokalisationen erkennbarer Veränderungen

Möglichkeiten der Gesundheitsprüfung

Mähnenkamm (Haut- und Haarveränderungen)

Hals (Narben, Verhärtungen im Bereich der Jugularvene)

Widerrist und Rücken (Hautveränderungen, Schwellungen, Druckempfindlichkeit)

Nähere Betrachtung und Befühlen der äußeren Geschlechtsorgane

Hengst: Vorhandensein und Beschaffenheit beider Hoden; Wallach: Kastrationsnarben

Stute: Schamschluss, Narbenbildung nach Vernähen.Beurteilung der Schweifrübe (Tonus, Geschwülste, Hautveränderungen)

Texte mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: ‚Pferdekauf heute. Kauf und Verkauf – Beurteilung – Gesundheit – Recht‘ von Sascha Brückner und Antje Rahn, FNverlag, Warendorf, 2010