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Der Körperbau beim Pferd gibt bereits erste Rückschlüsse auf Belastbarkeit und Leistungspotential des Pferdes. Grundkenntnisse von der Anatomie des Pferdes sind also sehr hilfreich.

Der Körperbau: Exterieurbeurteilung beim Pferd

Jede Exterieurbeurteilung beginnt mit der korrekten Aufstellung des Pferdes. Während man als Verkäufer das Pferd dabei gern vorne etwas höher und nach hinten gestreckt stellen möchte, sollte man als Käufer darauf achten, dass das Pferd auf waagerechter Fläche, weitgehend sich selbst überlassen, eine zum Betrachter offene, natürliche Haltung und Stellung annimmt.

Etwa zwei Pferdelängen seitwärts stehend, nimmt man sich zunächst Zeit für den wesentlichen Gesamteindruck.  Man verschafft sich so einen Überblick über das ganze Pferd. Also seinen Typ, seine Harmonie und seine Proportionen.

Dazu kann man sich gedanklich folgende Hilfslinien ziehen:

Die Betrachtung dieser vier Linien mit der Bodenlinie vermittelt einen Eindruck vom Format des Pferdes: Lang-Rechteck oder eher Quadrat ?

  1. Eine waagerechte Linie über den höchsten Punkt des Widerristes.
    Frage: Ist das Pferd überbaut oder bergauf konstruiert?
  2. Eine Senkrechte von der Bugspitze zum Boden sollte die Hufspitze treffen.
    Frage: Steht das Vorderbein regelmäßig oder vor- oder rückständig?
  3. Eine Senkrechte vom Sitzbeinhöcker zum Boden sollte den hinteren Rand des Sprunggelenks tangieren und nahezu parallel zum Hintermittelfuß verlaufen.
    Frage: Steht das Hinterbein regelmäßig, hinten herausgestellt oder unter den Leib geschoben?
  4. Schließlich eine Linie parallel zum Boden durch das Ellenbogengelenk.
    Frage: Teilt diese Linie das Viereck in nahezu gleiche Teile? Hat der Rumpf genug Tiefe oder ist das Pferd eher schmal und hochbeinig oder kurzbeinig und massig?

So genannte Quadratpferde haben oft einen strammen Rücken, der schwer zum Schwingen zu bringen ist.

Eine Anmerkung zur Größe: Die Größe eines Pferdes ist kein Qualitätskriterium. Natürlich sollte ein Pferd auch hinsichtlich seiner Größe zu seinem Reiter passen. Kleinere Pferde sind jedoch nicht nur leichtfuttriger und langlebiger, sondern oft auch bezüglich Ausdauer, Gleichgewicht und Gliedmaßengesundheit den Übergroßen überlegen.

 

Dem Gesamteindruck folgt eine sorgfältige Betrachtung der einzelnen Körperabschnitte. Sie verlangt von Anfang an eine Systematik. Diese muss geeignet sein, sprunghafte Fehlersucherei ebenso wie Unvollständigkeiten zu vermeiden.

Nachfolgend beginnen wir mit der Betrachtung der Oberlinie vom Kopf bis zum Schweif. Dann wird der Rumpf (Brust, Bauch, Körperschluss) beurteilt und schließlich das Fundament.

Die Oberlinie

Kopf, Hals und Schweif sind ausschlaggebend für die Schönheit eines Pferdes. Ein besonders hübsches Köpfchen ist ästhetisch sehr ansprechend. Allerdings hat es mit den Reiteigenschaften eines Pferdes wenig zu tun.

Ein größerer Kopf sollte bei Gebrauchspferden (Reit- und Fahrpferden) besonders dann nicht nachteilig gesehen werden, wenn er dabei ausdrucksvoll ist. Oft verrät das Pferd mit offenem, klarem und ruhigem Blick Gelassenheit, Selbstsicherheit und Aufmerksamkeit. Überhaupt sind Gesicht und Ohrenspiel des Pferdes ein Spiegelbild seines Interieurs.

Die Maulspalte

Die Maulspalte soll lang genug sein, damit das Trensengebiss nicht zu tief liegen muss. Andernfalls kann es dadurch Zungenfehler provozieren. Gerade für Dressurpferde kann ein sehr kurzes Maul problematisch werden. Wenn auch das Kandarengebiss darin noch Platz finden soll.

Die Ganaschen

Die Ganaschen (Unterkieferäste) müssen so weit sein, dass bei der Beizäumung die Ohrspeicheldrüse und der Kehlkopf nicht eingezwängt werden. Damit ist die Ganaschenfreiheit gemeint. Stehen die Ganaschen zu eng beieinander, spricht man von Ganaschenzwang. Dieser ist für die Reiteigenschaften des betroffenen Pferdes nachteilig.

Der Ansatz

Als Ansatz bezeichnet man die Stellung des Kopfes zum ersten Halswirbel, dem Atlas. Überragt der Atlas das Hinterhauptsbein, ist der Ansatz unerwünscht tief. Der günstigste Ansatz wird durch ein leichtes, breites und bewegliches Genick mit sanfter Wölbung in den Kammrand des Halses erzielt. Dagegen ist ein kurzes, schweres Genick weniger beweglich und erschwert die Beizäumung.

Der Hals

Der Hals hat eine große Bedeutung. Sowohl für die Schönheit eines Pferdes, als auch für dessen Körpermechanik. In Verbindung mit dem Nackenbandapparat wirkt er als Hebel. Er ist für die Spannung und Bewegung der Rückenmuskulatur von besonderer Bedeutung. Und auch für die Kraftübertragung aus der Hinterhand über den Rücken nach vorne wichtig. Knöcherne Grundlage ist die Halswirbelsäule. Sie besteht sieben beweglich verbundenen Wirbeln. Deren Länge ist bestimmend für die Halslänge.

Der Aufsatz
Die Verbindung des Halses mit dem Rumpf wird als Aufsatz bezeichnet. Gut aufgesetzt ist ein Hals, wenn er an der Schulter etwa rechtwinklig abgesetzt ist. Er steigt mit deutlichem Axthieb (Halskerbe, Ausschnitt) vom Widerrist nach vorne und mit schön gewölbtem Kammrand an. Die untere Linie, der sogenannte Kehlrand, sollte am besten gerade verlaufen.

 

Der Hals

Der Hals eines Pferdes kann kaum zu lang, bei schwacher Bemuskelung jedoch zu dünn sein. Ein langer, dünner Hals ist oft ‘lose’, d.h. nur schwer am Widerrist festzustellen.

Nachteilig für das Gleichgewicht eines Pferdes ist der zu kurze und schwere Hals. Ein etwas höherer Aufsatz muss nicht nachteilig sein, solange hierdurch nicht die Streckung in die Tiefe und das ‘über den Rücken reiten’ der Pferde zu sehr erschwert werden. Dagegen laufen Pferde mit tief angesetztem Hals leicht auf der Vorhand. Gelegentlich haben sie auch noch einen ausgeprägten Unterhals.

Der Widerrist

Der Widerrist wird in seiner Form durch die Länge und Neigung der langen Brustwirbeldornfortsätze bestimmt. Gewünscht wird ein deutlich ausgeprägter, hoher und lang in den Rücken hineinverlaufender Widerrist. Dieser ermöglicht durch große Hebel und Muskelansatzflächen die Ausbildung und Funktion einer kräftigen Rückenmuskulatur.

Dabei gibt es durchaus gute Pferde mit kaum ausgeprägtem Widerrist. Dies hängt mitunter damit zusammen, dass eine starke Bemuskelung den Widerrist optisch überlagert. Nachteilig ist bei einem kurzen, niedrigen Widerrist die schlechte Sattellage. Solche Pferde müssen im ungünstigsten Falle mit Vorgurt geritten werden, da sonst der Reiter zu weit vorne sitzt, was nicht nur unglücklich aussieht. Sondern auch belastend für die Vorhand und nachteilig für das Gleichgewicht des Pferdes ist.

Der Widerrist soll die Kruppe deutlich überragen. Überbaute Pferde neigen dazu, auf die Vorhand zu kommen. Sofern dieser Mangel nicht durch einen besonders günstig angesetzten und optimal getragenen Hals in Verbindung mit einer vorzüglich arbeitenden Hinterhand ausgeglichen werden kann.

Der Rücken

Die Oberlinie vom Widerrist bis zur Kruppe wird als Rücken bezeichnet. Im engeren Sinne versteht man darunter den Bereich vom Ende des unterschiedlich langen Widerristes bis zum ersten Lendenwirbel, der somit in seiner Ausdehnung mit 6–9 verschieden langen Brustwirbeln erheblich schwanken kann.

Sehr zu schätzen ist ein hinter dem Widerrist gerade und in sanft ansteigender Richtung verlaufender Rücken mit kräftiger Muskulatur. Die kann zur Ausbildung einer schmalen Längsrinne führen. Abzulehnen ist dagegen ein durch Fettablagerungen gespaltener Rücken. Unerwünschte Abweichungen von der für die Körpermechanik günstigsten, gleichförmig ansteigend verlaufenden Rückenlinie sind nach unten (weicher Rücken, Senkrücken) oder nach oben (Karpfenrücken) möglich.

Ein leichtes Abfallen der Rückenlinie hinter dem Widerrist verbessert die Sattellage. Und ist kein erheblicher Nachteil, sofern die Oberlinie dann wieder gleichmäßig und sanft ansteigt.

Im Gegensatz dazu hat ein sogenannter matter oder weicher Rücken, ebenso wie der Senkrücken, wenig Tragkraft. Daher ist er nur bei alten Mutterstuten nachsichtig zu beurteilen. Wegen der mangelhaften Elastizität eines Karpfenrückens sind auch diese Pferde als Reitpferde weniger geeignet.

Ein etwas längerer Rücken muss nicht unbedingt nachteilig sein, sofern er nicht mangelndes Gleichgewicht und ungenügende Geschlossenheit, auch des Bewegungsablaufes, mit sich bringt.

Der größere Nachteil ist ein zu kurzer, strammer Rücken, der wenig elastisch und schwer zum Schwingen zu bringen ist. Eine elastische Rückentätigkeit ist aber von unerlässlicher Bedeutung für die schwungvolle Übertragung der Hinterhandkraft nach vorne. Der Rücken soll in gleichförmiger Linienführung in Lende und Kruppe übergehen.

Die Lenden- oder Nierenpartie

Die Lenden- oder Nierenpartie entspricht als letzter Teil der Mittelhand einer freitragenden Brücke, deren Grundlage sechs (fünf) kaum bewegliche Lendenwirbel mit besonders breiten Querfortsätzen bilden. Da die Lendenwirbelsäule im Gegensatz zur Brustwirbelsäule nicht durch Rippen gestützt wird, ist ihre Festigkeit von besonderer Bedeutung für die Leistungsfähigkeit eines Pferdes.

Je breiter und kürzer eine kräftig bemuskelte Lende ist, desto besser kann sie die Kraftübertragung aus der Hinterhand realisieren und Bewegungsschwankungen abfangen. Eine leichte Aufwölbung weist auf lange Dornfortsätze und starke Bemuskelung hin und ist daher verzeihlich. Eine stärkere Wölbung kann jedoch die Kraftübertragung behindern und zu einem steifen Schieben der Hinterhand führen.

Das Gegenteil – die matte Niere (Nierendruck) – entsteht i.d.R. durch einen zu tiefen Ansatz der Lendenwirbel am Kreuzbein, zu kurze Dornfortsätze und mangelhafte Muskelausbildung. Sie ist daher nicht nur unschön, sondern leistungsmindernd.

Die Kruppe

Die skelettmäßige Grundlage der Kruppe bilden die zum Kreuzbein verwachsenen Kreuzwirbel, die ersten Schwanzwirbel, sowie der Beckengürtel. Dieser besteht aus aus Darm-, Scham- und Sitzbein. Je länger eine Kruppe ist, desto günstiger können die hier angesetzten Muskeln wirken und desto größer ist ihre Leistungsfähigkeit. Unterstützend wirkt dabei die Kruppenbreite, die den erforderlichen Raum für die Muskelmassen schafft.

Die Kraftentfaltung hängt jedoch nicht nur von der Kruppenlänge, -breite und -bemuskelung ab, sondern auch von der Stellung des Kreuzbeines und des Beckens. Bei einer geraden Kruppe stehen die Hinterbeine oft etwas hinten heraus und treten auch in der Bewegung selten genügend unter den Körper. Gleichwohl kann diese Kruppenform, insbesondere bei Springpferden, sehr leistungsfähig sein. Umgekehrt entwickeln Pferde mit abschüssiger Kruppe zwar viel Tragkraft, aber wenig Schub – sie kommen wenig vorwärts.

Die allgemein leistungsfähigste und heute bevorzugte Kruppenform ist daher die lange und leicht geneigte Kruppe.

Der Schweif

Der Schweif besteht aus den Schweifhaaren und der Schweifrübe, deren knöcherne Grundlage 15–21 Schweifwirbel bilden, von denen die ersten 3–4 noch an der Kruppenbildung beteiligt sind. Ein gepflegter und schön getragener Schweif ist neben Kopf und Hals für die Schönheit eines Pferdes von besonderer Bedeutung.

Je abschüssiger die Kruppe, desto tiefer ist der Schweifansatz, wodurch das Tragen des Schweifes erschwert wird. Besonders unschön ist der unter einem Muskelwulst zwischen den Sitzbeinhöckern eingeklemmte sogenannte ‘eingesteckte’ Schweif. Aber nicht allein der Schweifansatz ermöglicht ein schönes Tragen, es gehört auch ein bestimmter, gleichmäßiger Muskeltonus dazu. Störend wirkt immer ein schief getragener Schweif, der seitlich von der Richtung der Wirbelsäule abweicht. Die möglichen Ursachen sind vielfältig, können angeboren oder erworben sein. Manche Pferde tragen den Schweif in Folge von Verspannungen der Rückenmuskulatur schief, was sich nach lösender, geraderichtender Arbeit rasch verliert.

Der Rumpf

Der Brustkorb

Der Brustkorb enthält mit Herz und Lunge lebenswichtige Organe. Eine geräumige Brust mit entsprechender Breite und Tiefe bietet daher günstige Voraussetzungen für Volumen und Leistungsfähigkeit dieser Organe. Fehlerhaft ist die sogenannte Hahnenbrust, die durch vorgewölbte Vorderbrustfläche und zurückgeschobene Schulter ungünstig für Bewegungsablauf und Leistungsfähigkeit ist. Auch eine zu breite Brust ist unerwünscht, da sie oft mit einem schwerfälligen, gebundenen Bewegungsablauf bei zehenenger Gliedmaßenstellung verbunden ist.

Der Bauch

Der Bauch eines schönen Pferdes ist leicht gewölbt und in der Flankengegend gut ausgefüllt. Die untere Begrenzungslinie des Bauches sollte nicht tiefer liegen als das Brustbein. Ein über diese Linie herabreichender Bauch – der Hängebauch – ist weniger schön und lässt auf mangelhafte Konstitution schließen. Das Gegenteil ist der aufgeschürzte (aufgezogene) Bauch, der als Folge ungenügender Futterverwertung oder mangelnder Fresslust, bei übermäßiger Nervosität und bei chronisch kranken Pferden auftritt.

Das Fundament

 

Die Bewertung des Fundaments ist keine Frage der Ästhetik. Der alte Spruch ‘No foot, no horse’ macht deutlich, wie ausschlaggebend das Fundament für den Gebrauchswert eines Pferdes ist. Und daher auch für seinen züchterischen Wert sein muss. Eine gewisse Mindestfundamentstärke ist zu fordern, weil zu schmale Knochen nur kleine Gelenk- und Muskelansatzflächen haben. Diese gefährden dann eine optimale Kraftübertragung.

Die Vorhand

Die Vorhand trägt schon beim reiterlosen Pferd mit 60 bis 65% den größeren Teil des Körpergewichtes, in der Bewegung und ganz besonders beim Springen ein Vielfaches davon. Sie hat in erster Linie eine Stütz- und Auffangfunktion. Diese Aufgabe können die Schultergliedmaßen am besten erfüllen, wenn sie parallel und senkrecht stehen. Im Seitenbild soll ein von der Mitte des Schulterblattes gefälltes Lot die Gliedmaße teilen und den Ballen tangierend auf den Boden treffen. Abweichungen von der regelmäßigen Stellung sind die Vorständigkeit und die Rückständigkeit, auch Unterständigkeit genannt, die sowohl angeboren oder infolge von Fehlbelastung, Beschwerden und Erkrankungen erworben sein können.

Die Schulter

Von besonderer Bedeutung für die Leistungsfähigkeit eines Pferdes ist die Schulter, deren knöcherne Grundlage das Schulterblatt bildet. Eine gute Schulter soll breit, gut bemuskelt, schräg und lang sein. Kurze und steile Schultern führen zu einer ungünstigeren Winkelung des Buggelenkes und damit zu mangelhafter Schulterfreiheit, weniger Raumgriff und eher stumpfem Bewegungsablauf.

Der Oberarm

Da der sich anschließende Oberarm wenig sichtbar ist, wird seine Bedeutung oft unterschätzt. Dabei beeinflusst er durch seine Länge und Richtung die Bewegungsmöglichkeiten des Pferdes erheblich und kann Schwächen der Schulter etwas ausgleichen. Der Oberarm soll möglichst lang sein, um genügend Muskelansatzfläche zu bieten.

Der Ellenbogen

Die Ellenbogenhöcker sind nicht nur Hebelarm des Ellenbogengelenkes, sondern auch wichtige Ansatzfläche für die Muskulatur der Vordergliedmaßen. Sie sollen daher lang sein, parallel zueinander und zum Körper verlaufen und nicht weniger weit auseinander liegen als die Buggelenke. Durchaus nachteilig sind angedrückte Ellenbogen, die zu einer Drehung der unteren Gliedmaße nach außen führen und die Bewegungsfreiheit der Pferde behindern. Zumindest eine flache Hand sollte zwischen Brustkorb und Ellenbogenhöcker gelegt werden können.

Der Unterarm

Vom Ellenbogengelenk bis zur Vorderfußwurzel erstreckt sich der Unterarm (Vorarm), dessen skelettmäßige Grundlage Elle und Speiche bilden und der ausreichend bemuskelt sein soll. Günstig für Belastbarkeit, Bewegungsablauf und für das ‘Falten’ des Vorderbeins am Sprung sind ein relativ langer Unterarm und ein kurzes Röhrbein, also eine Vorderfußwurzel (Karpalgelenk) unterhalb der Mitte des Vorderbeines .

Das Vorderfußwurzelgelenk

Das Vorderfußwurzelgelenk (Karpalgelenk) ist ein zusammengesetztes Gelenk, dessen Hauptaufgaben Beugung, Stoßdämpfung und Streckung sind. Diese Funktionen machen es erforderlich, dass sich die Karpalknochen exakt auf einer Achse mit Unterarm (Radius, Ulna) und Röhrbein befinden. Zudem sollten sie ausreichende Größe haben, um genügend Stabilität zu gewährleisten. Die Vorderfußwurzel muss daher gut entwickelt und von vorne gesehen breit sein, ausdrucksvoll modelliert und nicht verschwommen. Eine Einschnürung unter der Vorderfußwurzel (geschliffenes Vorderbein) ist fehlerhaft, aber selten bedeutsam.

Gerade bei besonders markanter Vorderfußwurzel kann der Übergang zum Röhrbein leicht eingeschnürt erscheinen. Als vorbiegig (lose) wird eine Achsenabweichung der Vorderfußwurzel nach vorne bezeichnet, die selten Probleme bereitet, häufiger bei Neugeborenen sowie bei älteren Pferden zu sehen ist und toleriert werden kann. Ungünstig dagegen ist das rückbiegige Vorderbein, das eine schwache Vorderfußwurzel kennzeichnet und unter Belastung selten beschwerdefrei bleiben wird.

Knöcherne Grundlage des Vordermittelfußes (Röhre) ist der Hauptmittelfußknochen, an dessen Rückseite sich die beiden Griffelbeine, zwei kleine, rudimentäre (verkümmerte) Mittelfußknochen befinden. Günstig ist immer ein flaches, kurzes und breites Röhrbein, das dadurch auch den Sehnen, die sich klar und trocken abheben sollen, eine günstige Anlagefläche bietet. Der Röhrbein umfang ist für die Belastbarkeit der Gliedmaßen weit weniger bedeutsam als ihre Stellung.

Das Fesselgelenk

Der Fesselkopf mit dem Fesselgelenk soll kräftig und klar konturiert sein. Die durch die Mitte der Fessel und parallel zur vorderen Hufwand verlaufende Zehenachse sollte eine ungebrochene Linie bilden (der Huf passt zum Fesselstand) und idealerweise am Vorderbein in einem Winkel von etwa 45 bis 50° zur Standfläche verlaufen. Hinten ist die Fesselung etwas steiler und kürzer. Nachteilig sind zu lange, weiche Fesseln, die zu einer erhöhten Belastung der Sehnen und Bänder führen, ebenso wie zu kurze und steile Fesseln, die die Zehengelenke vermehrt belasten, einen stumpfen, wenig federnden Bewegungsablauf erwarten lassen und mitunter zum sogenannten Überköten* führen können.

* Überköten = Störung der Streckfunktion des Fesselgelenkes. Dabei verschiebt sich der Fesselkopf bei Belastung der Gliedmaße nach vorn.

Der Huf

Der Huf muss zur Größe des Pferdes passen, regelmäßig und innen geräumig sein. Es gibt zahlreiche Abweichungen von der regelmäßigen Hufform, die immer mechanische Nachteile mit sich bringen. Besonders bedenklich sind zu kleine Hufe und Zwanghufe. Sie können angeboren sein und erhöhen das Risiko chronisch degenerativer Erkrankungen der Zehengelenke. Andererseits können kleinere und Zwanghufe auch als eine Folge andauernder (chronischer) Lahmheiten oder latenter Schmerzzustände erworben sein, die das Pferd veranlassen, die betroffenen Gliedmaßen über längere Zeiträume weniger zu belasten.

Ebenfalls nachteilig sind niedrige, untergeschobene Trachten. Diese schränken den stoßdämpfenden Hufmechanismus ein. Und führen zu einer Überstreckung des Fessel- und des Vorderfußwurzelgelenkes, verbunden mit einer vermehrten Belastung der Beugesehnen und des Fesseltrageapparates.

 

 

Die Hinterhand

Während die Vorhand in erster Linie Stütz- und Auffangfunktion hat, ist die Hinterhand als stark gewinkeltes Hebel werk die entscheidende Kraftquelle für die Vorwärtsbewegung des Pferdes. Aus diesem Grunde ist die Beurteilung ihrer Stellung, Winkelung und Bemuskelung von großer Bedeutung.

Günstig gestaltet sich das Zusammenwirken der knöchernen Hebelarme, wenn bei korrektem Stand ein vom Sitzbeinhöcker gefälltes Lot das Fersenbein tangiert und nahezu parallel zum Hintermittelfuß verlaufend hinter dem Ballen den Boden trifft.

Abweichungen hiervon sind die säbelbeinige (vorständige), die unterständige und die rückständige Stellung.

Von kaum zu überschätzender Bedeutung ist ein tiefes und gut entwickeltes Sprunggelenk, dessen Beurteilung weit schwieriger ist, als allgemein angenommen wird. Die knöcherne Grundlage dieses Gelenkes bilden sechs bzw. sieben Knochen, die mehrreihig übereinander angeordnet sind, sodass es einer guten anatomischen Kenntnis und Übung bedarf, um beurteilen zu können, ob ein Sprunggelenk gesund und belastbar ist.

Gefordert ist ein trockenes, breites, kräftiges und klar umrissenes Sprunggelenk, das nicht schwammig oder grob geformt erscheinen darf. Fehlerhaft sind ausgeschnittene, geschnürte und scharf abgesetzte Sprunggelenke ebenso wie flache, die nicht in genügender Wölbung hervortreten.

Ein Sprunggelenk ist flach, wenn sein Querdurchmesser zu gering ist. Es ist geschnürt und ausgeschnitten, wenn es mit deutlicher Einschnürung in den Mittelfuß übergeht und stark abgesetzt, wenn man an der Innenseite beim Übergang zum Unterschenkel einen unerwünschten Absatz bemerkt.

Eine etwas stärkere Winkelung ist nicht so problematisch, sofern keine ausgesprochene Säbelbeinigkeit vorliegt. Kritisch ist aber ein zu stark gewinkeltes Hinterbein in Verbindung mit einem schlecht eingeschienten Sprunggelenk. Zur Sehne hin entsteht dabei die Tendenz zur Hasenhacke.

Ein gerades Hinterbein mit offenem Sprunggelenk ist oft verbunden mit einer weichen, bärentatzigen Fesselung und mitunter zu finden bei Vollblütern oder auch bei vermögenden Springpferden. Bedenklich ist es bei Dressurpferden, denn es fällt solchen Pferden dadurch schwer, sich in der Hinterhand zu setzen.

Die bekannteste Erkrankung des Sprunggelenkes ist der Spat, eine ein- oder beidseitig auftretende chronisch deformierende Erkrankung des Sprunggelenkes, die besonders bei Reitpferden und Trabern vorkommt.

Die Grenze zwischen stark abgesetzten Sprunggelenken, die eher auf eine erhöhte Belastbarkeit hindeuten, und sogenannten Spatexostosen ist nicht immer sicher zu ziehen. Die Bedeutung derartiger Veränderungen ist unterschiedlich (s.u.).

Die Beurteilung des stehenden Pferdes beschränkt sich nicht auf eine Seitenansicht. Man betrachtet das Pferd von allen Seiten, beurteilt die Gliedmaßen und ihre Stellung von vorne und von hinten.

Die Vorderbeinstellung ist regelmäßig, wenn ein vom Buggelenk aus gefälltes Lot Gelenke und Huf halbiert. Dabei soll der Abstand zwischen beiden Hufen etwa eine Hufbreite betragen.

Es gibt eine Vielzahl von Abweichungsmöglichkeiten, die vier wesentlichsten sind der nachstehenden Abbildung zu entnehmen.

Bei der Betrachtung der Hintergliedmaßen von hinten soll ein von den Sitzbeinhöckern gefälltes Lot Sprunggelenk, Hinterröhre, Fessel und Huf in einigermaßen gleiche Teile teilen. Auch der Abstand zwischen den Hinterhufen soll etwa eine Hufbreite betragen. Mögliche Abweichungen sind in unten stehender Abbildung dargestellt.

Bei vielen Pferden sind in irgendeiner Form Abweichungen von der Normalstellung feststellbar. Sie führen immer zu einer Mehrbelastung bestimmter Gliedmaßenbereiche und sind daher in deutlicher Ausprägung bei Sportpferden unerwünscht, bei Zuchtpferden kaum verzeihlich.

Texte mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: ‘Pferdekauf heute. Kauf und Verkauf – Beurteilung – Gesundheit – Recht’ von Sascha Brückner und Antje Rahn, FNverlag, Warendorf, 2010