Jeder Reiter wünscht es sich: ein gelassenes, gehorsames Pferd, das in jeder Situation cool bleibt und die Nerven behält. Weil Pferde aber von Natur aus nunmal Fluchttiere sind, kommt es gar nicht so selten vor, dass sie gern mal Monster sehen oder in Schreckmomenten die Flucht ergreifen. Viele trauen sich dann oft gar nicht mehr ins Gelände oder scheuen fremde Reitanlagen aus Angst, dass das Pferd wieder vor irgendetwas Panik bekommt und kopflos davonrennt.

Der Fluchtinstinkt ist bei Pferden evolutionsbedingt angeboren und je nach Charakter mal mehr und mal weniger ausgeprägt. In freier Wildbahn ist es für Pferde überlebenswichtig, Gefahren schnell zu erkennen und (in den meisten Fällen) im Zweifel darauf mit Flucht zu reagieren. Trotz der Domestizierung bleibt dieser Instinkt auch weiterhin erhalten.

Doch auch aus kleinen und großen „Hasenherzen“ kann man mutige, gelassene Pferde machen. Damit das klappt, habe ich euch ein paar Tipps dafür zusammengestellt. Die Devise lautet dabei (wie bei vielem in der täglichen Arbeit): selbst gelassen und konsequent bleiben und vor allem üben, üben üben!

Kontrolle über die Beine

Ob bei einem Spaziergang oder im Gelassenheitstraining: Pferde reagieren auf vermeintlich Bedrohliches erst einmal mit Argwohn oder Angst. Der Klassiker sind Gegenstände wie Flatterbänder, Mülltonnen oder Rundballen. Aber auch andere Tiere wie Schweine oder Rinder können – oftmals auch wegen ihres „anderen“ Geruchs – Misstrauen verursachen. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Und was das Pferd nicht kennt, daran geht es nicht vorbei. Was also tun, wenn der Vierbeiner am liebsten davonpreschen möchte oder wie angewurzelt stehenbleibt?

Ein gutes Mittel ist hier, das Pferd am Boden mit ein paar Tritten Rückwärtsrichten abzulenken. Das Pferd muss sich in der Situation nun erstmal auf seine Beine konzentrieren. Das lenkt es von der Umgebung ab. Dann führt man das Pferd wieder ein paar Meter an das Angst-Objekt heran und richtet es danach wieder ein paar Tritte zurück. Damit macht man dem Pferd diese Alternativ-Situation unbequem, sodass es sich mit jedem Mal williger nach vorn traut.  Wichtig ist, dass man selbst dabei ruhig und besonnen bleibt und den Ort erst verlässt, wenn das Pferd ruhig geworden ist. Das Pferd schließt die Übung so mit einem positiven Gefühl ab, „alles doch nicht so schlimm“. Beim nächsten Mal traut es sich vielleicht schon ein Stück näher ran oder sogar ganz vorbei.

Gelassenheitsübungen bringen Routine

Dass Abwechslung in der täglichen Arbeit wichtig ist, wissen wir. Doch für manche Reiter hört die Abwechslung neben dem Reiten schon nach „ab und zu mal zu longieren“ oder wöchentliche Springgymnastik auf. Dabei ist es doch wichtig, dem Pferd auch neue äußere Reize näherzubringen. Nur wenn es etwas kennenlernt und es oft genug zu Gesicht bekommt, kann es die Angst davor überwinden. Wenn ich mit meinem Pferd nie ins Gelände oder auf den Platz gehe, ist es logisch, dass es vielleicht ängstlich reagiert, wenn ich mich doch mal raus traue. Denn es kennt das Gelände ja nicht und weiß nicht, dass der herannahende Radfahrer es wirklich nicht fressen will. Wenn das Pferd keine Musik aus Lautsprechern kennt, ist es kein Wunder, wenn es auf dem Turnier bei der Ehrenrunde alle Viere von sich schmeißt.

Je mehr mein Pferd also täglich Neues kennenlernt und je öfter es damit konfrontiert wird, umso cooler wird es. Denn mit der Zeit stellt sich ein Gewöhnungseffekt ein. Es lernt, dass die meisten Dinge nicht gefährlich und somit total okay sind. Unterschiedliche neue Reize bekommt es beispielsweise beim Gelassenheitsparcours mit Stangenlabyrinth, Raschelplane und Co. Zugegeben, es dauert zwar immer etwas solche Übungen vorzubereiten. Doch wer ein ausgeglichenes Pferd haben möchte, nimmt sich gern die Zeit.

Zügel lang lassen

Zugegeben, das Zügel-lang-lassen fällt uns Reitern in neuen Situationen gern schwer. Wir denken uns: wenn ich den Zügel kurz nehme, habe ich mehr Kontrolle. Das ist aber nicht unbedingt so. Auch mit kurzen Zügeln kann ein Pferd steigen, buckeln oder losrennen. Speziell dann, wenn der Fluchtinstinkt überhand nimmt. Wenn ich mein Pferd stressfrei an eine neue Situation heranführen möchte, ist „Zügel lang“ oft die bessere Wahl. Wohlgemerkt: wenn das Pferd insgesamt ruhig ist und es eine Übungs-, keine Stress-Situation ist! Vielen Pferden ist wichtig, Neues wie z.B. Pfützen auch mal in Ruhe beschnüffeln zu können. Der lange Zügel signalisiert: „Schau, alles in Ordnung, ich als Reiter habe keine Angst und Du musst auch keine haben.“ Dabei ist ausgiebiges Loben für das Pferd die Bestätigung, dass es seine Sache gut macht. Das gibt Selbstvertrauen.

Unterstützung durch den Reiter

Hat das Pferd im Viereck eine bestimmte „Glotz-Stelle“ oder eine „Geisterecke“, sollte man als Reiter nicht allzu viel Aufhebens darum machen. Sicher ist es unangenehm, wenn das Pferd nicht vorbeigehen will, nach innen driftet oder auch mal einen Hüpfer zur Seite macht. Dann liegt es aber am Reiter, „einfach drüber weg zu reiten“, wie es viele Reitlehrer gern nennen. Heißt: Selbst cool bleiben und das Pferd konsequent arbeiten.

Drückt das Pferd mit der Schulter nach innen in die Bahn, weil es der Gruselecke entkommen will, muss der Reiter konsequent mit dem inneren Bein dran bleiben und es wieder raus schicken. Glotzt das Pferd wegen einer Abschwitzdecke auf der Bande, kann man beispielsweise erst einmal mit etwas mehr Abstand dran vorbeigehen und dabei das Pferd seitlich am Objekt vorbei reiten. Schultervor oder Schulterherein bieten sich dafür wunderbar an. Ist man am Objekt vorbei, wendet man ab, z.B. in eine Volte oder auf den Zirkel und führt das Pferd so wieder dran vorbei. Vielleicht diesmal auch schon etwas näher als vorher. Volten reiten ist auch eine gute Übung, um ängstlich voraneilende Pferde wieder zurückzuholen und langsamer zu bekommen.

Ist das Pferd nach ein paar Wiederholungen gelassener, kann man es loben und aus der Situation entlassen. Auch Teilerfolge sind wichtig, denn das Pferd soll nicht überfordert werden. Falsch wäre, das Pferd in solch einer Situation zu strafen oder an den Zügeln zu ziehen. Durch die Strafe mit Gerte oder dem zunehmenden Zug am Gebiss wird das Pferd nur in seinem Empfinden gestärkt, dass die Ecke oder die Abschwitzdecke böse sind. Es verbindet die Situation zusätzlich mit Schmerz und fürchtet daher, dass der Schmerz jedesmal kommt, wenn die Situation eintritt. So schafft man kein Vertrauen!

Fazit

Mit Geduld, Übung und einer Atmosphäre des Vertrauens wird das Pferd in neuen oder „schrecklichen“ Situationen zunehmend gelassener. Das dauert seine Zeit. Genauso wie man als Reiter nicht erwarten kann, in einer Woche vom Anfänger auf Grand-Prix-Niveau zu gelangen. Im Zweifel sollte man immer einen erfahrenen Reiter oder Trainer mit dazu nehmen. Der kann einem notfalls Hilfestellung geben, wenn man selbst unsicher ist. Zudem sollte man beim Reiten notfalls absteigen, wenn man merkt, dass man von oben keine Kontrolle mehr bekommt. Vom Boden aus lassen sich Pferde dann meist besser handhaben. Vertrauen und Ruhe ist dabei in jeder Situation mit dem Pferd das A und O! Pferde sind Herdentiere und der Mensch sollte vom Pferd immer ranghöher angesehen werden, also sein „Leittier“ sein, an dem es sich orientiert und dem es vertraut. Ist das nicht so, kann ein Schreckmoment schlimmstenfalls zu einer unkontrollierbaren Situation ausarten. Und das wollen wir ja alle nicht, oder?

 

Julia Schmidt

Julia Schmidt

Hallo und schön, dass Du den Weg auf mein Blogger-Profil gefunden hast!

Mein Name ist Julia, ich bin "Baujahr" 1982 und habe seit früher Kindheit mit Pferden zu tun. Ein Leben ohne die Vierbeiner kann ich mir einfach nicht mehr vorstellen.

Aktuell reite ich auf A/L-Niveau, wobei mein Schwerpunkt ganz klar die Dressur ist. Aber auch entspannte Ausritte, Bodenarbeit oder ein frischer Galopp über die Wiesen sind absolut mein Ding.

Vor einiger Zeit habe ich mit dem Bloggen rund um's Thema Pferde und Reiten angefangen. Neben dem ehorses Blog habe ich auch eine eigene Seite (www.julias-reiterblog.jimdo.com). Außerdem findest Du mich auch auf Instagram (@juliasreiterblog), wo ich meine Gedanken zum Thema Reitsport mit meinen Followern teile.
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