Meist beginnt Kissing Spines so:
Das Pferd lahmt, aber der Tierarzt kann nichts finden. Im Schritt geht es passartig, im Trab ist das Pferd zügellahm, der Galopp ist kein korrekter Dreitakt mehr. Die Übergänge sind nicht fließend. Lektionen führt das Pferd unwillig aus. Viele Pferde klemmen nach dem Aufsteigen, beim Satteln zeigen sie Sattelzwang, beim Putzen sind sie im Rücken empfindlich.
Kissing Spines
Kissing Spines
Dann kommt die Zeit, dass sich das Pferd zu Beginn des Reitens erst „einlaufen muss“, die Hinterbeine fußen nicht mehr aktiv ab, der Takt ist nicht mehr sicher geregelt, aus ersten
Taktfehlern werden Gangfehler. Eine konstante Anlehnung ist nicht mehr gegeben. Alles
erfolgt mit immer mehr Kraft und Druck durch den Reiter. Viele Pferde werden in dieser
Phase schon widersetzlich. Sie pinseln mit dem Schweif, drängen rückwärts, buckeln oder
steigen, denn sie haben Schmerzen.
Man ruft abermals den Tierarzt und dann kommt die Diagnose: Erste Engstände zwischen
den Dornfortsätzen oder sogar schon Kissing Spines! Wie eine Breitseite trifft es einen…
Aber man hat doch alles richtig machen wollen, was war denn nur falsch?
So werden viele Pferdebesitzer gedacht haben, als ihnen die Diagnose vom Tierarzt
mitgeteilt wurde, dass ihr Pferd einen irreparablen Schaden an der Wirbelsäule hat.
Und jetzt?
Wir könnten es uns bequem machen und behaupten, dies liege an den so empfindlichen
Zuchtlinien. Die heute gezüchteten Reitpferde nehmen uns Reitern durch ihre Sensibilität,
ihre nahezu perfektes Gebäude, die guten Hälse, ihre hohe Rittigkeit und ihre exzellenten
Reitpferdeeigenschaften (leider) zu viel ab. Viele glauben, nicht mehr sorgsam reiten zu
müssen, um die Qualität des Pferdes zu erhalten respektive sie zu fördern oder um beim
Reiten überhaupt Losgelassenheit zu erreichen. Hinzu kommt, dass immer mehr Reiter auf
die eigentliche Basisarbeit, die Dressur, verzichten. In den allermeisten Fällen entwickeln sich Kissing Spines und andere Rückenprobleme des Pferdes durch fehlerhaftes Reiten und Ausbilden: mit zu viel Handeinwirkung, fehlerhafte Aufrichtung, zu eng im Hals, die Nase dauerhaft hinter der Senkrechten, zu hohem Tempo oder permanentem Untertempo, zu wenig Aktivität aus der Hinterhand, falsch verstandener oder keiner Anlehnung, zu wenig Gymnastizierung. Das Ergebnis sind entweder „auseinandergefallene“, auf die Vorhand gerittene Pferde ohne korrekte Grundausbildung oder aber Pferde, die permanentin absoluter Aufrichtung „um ihr Leben strampeln“. Ein weiteres Problem ist heute die Eile in der Ausbildung, die es den Pferden schwer macht, gesund zu bleiben. Pferde sind oft schon in jungen Jahren massiv überfordert, müssen sich einem übersteigerten Erfolgsdruck fügen. Die Remonte war früher vier bis fünf Jahre alt, wenn sie unter den Sattel kam. Die Knochen und Gelenke waren dann schon viel stabiler und gefestigter als sie es mit drei Jahren (das heute übliche Alter zum Einreiten) überhaupt sein können. Man ließ sich Zeit bei der Arbeit an der Longe und half dem Pferd damit, die notwendige Basismuskulatur aufzubauen, um später das Reitergewicht ohne Schaden tragen zu können. Nach dem ersten Einreiten ging esins Gelände.
Die Pferde wurden nicht wie heute schon fast üblich auf aufwendige Bewegungen gedrillt
oder in Rollkurmanier zusammengezogen, sondern durften in zwangloser Selbsthaltung in
allen Gangarten laufen. Ziel war, Muskeln, Sehnen, Bänder, Knochen und Gelenke zu stabilisieren, die Schwungentwicklung zu fördern und die natürliche Qualität der Bewegung
zu erhalten, respektive zu verbessern. Man begann mit Zügel aus der Hand kauen lassen in den drei Grundgangarten, ersten großen gebogenen Linien, Achten und nur grundlegenden Übungen und Lektionen. Die Fähigkeit, das eigene Gleichgewicht zu finden, ergab sich durch diese Ausbildung fast nebenbei.
Erst nach rund zwei Jahren, wenn das Pferd gefestigt war, begann die wirkliche Arbeit in der
Dressur. Dressurarbeit durchlief jedes Pferd, um erst danach seiner entsprechenden Spezialisierung zugeführt zu werden.Dieser Weg wird heute kaum noch gewählt–
weil er zu viel Zeit kostet und zu viel Geld. Ein Fünfjähriger, der nicht mehr kann, als im Gelände bergauf und bergab zu laufen, der nicht mindestens L-Dressur -Lektionen beherrscht oder mindestens ein L-Springen gegangen ist, ist eigentlich nichts wert.
Das Ergebnis dieses übersteigerten Erfolgsdrucks sind: steife, verkrampfte und fehlbemuskelte Pferde. Es entstehen Sehnenschäden, Fesselträgerentzündungen, Kissing Spines,
Genickschäden, Nackenbandreizungen, Entzündungen, psychische Probleme und viele
weitere Befunde, die oft schon in den ersten Ausbildungsjahren zu irreparablen Schädigungen führen.
Sind Rückenprobleme oder Kissing Spines erst einmal vorhanden, ist spätestens dann der
Zeitpunkt gekommen, um etwas zu ändern, und das heißt:
  • neue Wege zu gehen,
  • Dinge anders zu machen als bisher,
  • Dinge anders zu machen als andere,
  • auch einmal „NEIN“ zu sagen,
  • bisher praktizierte, evtl. falsche Methoden zu hinterfragen.
Denn Engstände zwischen den Dornfortsätzen oder Kissing Spines sind irreparabel und für
das Pferd ein nicht mehr heilbarer Schaden, der mit großen Schmerzen verbunden sein
kann! Ein solcher Befund muss allerdings kein Weltuntergang sein!
Man muss jetzt nur anders an die Dinge herangehen. Und das heißt: die Grundlagen
schaffen, damit es für die Zukunft wieder funktionieren und das Pferd ohne Schmerzen leben
und geritten werden kann.
Dazu gehören:
  • ein schmerzfreies Pferd, was manchmal im ersten Schritt nur mit Hilfe von entzündungshemmenden Mitteln zu erreichen ist. Denn nur ohne Entzündungen und Schmerzen kann man an den so wichtigen Muskelaufbau denken.
  • die Unterstützung durch einen guten Osteopatherapeuten, der die Grundmobilität wiederherstellt und entsprechende Übungen vermittelt, damit man als Reiter oderBesitzer sein Pferd für die Zukunft elastisch halten kann.
  • korrekt gestellte Hufe und / oder Beschlag,
  • der für Reiter und Pferd passende Sattel,
  • ein möglichst korrekt sitzender Reiter, der zum Sitzen und zum Treiben kommt.
  • die Schwungentwicklung aus der Hinterhand, korrekte Anlehnung und eine Nase, die an die Senkrechte gehört!

Haben Pferde Rückenprobleme oder Kissing Spines, dann verändert sich mit der Zeit die Muskulatur. An den notwendigen Stellen wird sie abgebaut und aus Kompensation an den falschen Stellen aufgebaut. Das führt dazu, dass sich das Pferd vom Erscheinungsbild verändert. Am folgenden Fotovergleich sieht man deutlich, wie unterschiedlich Rücken aussehen können:

Kissing Spines
Kissing Spines
Nachdem der Sattel angepasst ist, die Hufe korrekt gestellt sind, der Rücken schmerzfrei ist,
sollte ein Osteopath Blockaden beseitigen und eine erste Grundmobilität wieder herstellen.
Bei den Osteopatherapeuten ist es wie bei den Ausbildern, einen wirklich guten zu finden, ist nicht einfach. Einen Fähigen Therapeuten erkennt man an folgenden Dingen:
a) Die erste Behandlung sollte mindestens 1 ½ Stunden dauern.
b)Der Osteopath sollte sich das Pferd an der Hand vorführen lassen, sich die Fußfolge in
Schritt und Trab genau ansehen, das Pferd an der Longe am Halfter links und rechts
herum vorführen lassen, enge Wendungen gehen lassen,
c) die einzelnen Schritte der Behandlung und seine gemachten Beobachtungen genau
erklären können, dokumentieren.
d) Bei der Behandlung sollte er sich nicht nur auf den Rücken reduzieren, sondern alle
Gelenke und Strukturen im Körper des Pferdes checken.
e) Auch nach den Zähnen schaut der gute Osteopath. Wenn da etwas nicht in Ordnung
ist, ist das Pferd unter anderem in Kiefer und Genick verspannt.
f) Er sollte vorsichtig mit dem Pferd umgehen, Ruhe vermitteln, damit das Pferd
entspannen kann. Hinzu kommt, dass bei Pferden mit Rückenproblemen oder Kissing Spines die ersten Behandlungen sehr schmerzhaft sein können. Man sieht heute in den Medien sogenannte Therapeuten, die mit Kraft, massivem Druck und Reißen Dehnungsübungen durchführen. Vermarktet wird das dann als notwendige Vorgehensweise. Jedoch führen diese Behandlungen in ganz vielen Fällen zu Verletzungen von Kleinststrukturen, wie Faserrisse, massive Überdehnungen und Ähnliches die sich meist erst nach Wochen durch eine Verschlechterung des Gesamtzustandes zeigen, werden dann kaum mehr mit dem groben Umgang durch den Behandelnden in Verbindung gebracht. Diese Behandlungen werden zwar heute in den Medien aufwendig vermarktet, aber dadurch sind sie nicht richtig! Im Gegenteil! Sie sind hochgradig gesundheitsschädlich für das Pferd!
g) Nach der Behandlung sollte der Therapeut das Pferd auf die Weide entlassen und nicht die Auflage machen, es für Tage in der Box einzusperren oder gar anzubinden.
h) Da es mit einer osteopathischen Behandlungen nicht getan ist, sollte einem der Therapeut verschiedene Übungen zeigen und diese als quasi tägliche Hausaufgabe bis zur nächsten Behandlung mitgeben. Dazu gehören unter anderem das Aufwölben lassen des Rückens, ggf. das Lockermachen der Halsfaszie, Schweifdehnen, Möhren an der Hinterhand abholen lassen, den Widerrist bewegen, das Becken kippen und ähnliches.

i) Die erste Nachbehandlung sollte je nach Situation 2-3 Wochen nach dem erstenTermin erfolgen.

Kissing Spines
Kissing Spines
Der Freilauf ist für ein Pferd mit Rückenproblemen oder Kissing Spines sehr wichtig. Denn je mehr Bewegung das Pferd hat, umso schneller können sich auch Verspannungen lösen. Ein dunkler Stall und wenig Bewegung machen die Situation für das Pferd nicht leichter. Auch bei der Fütterung kann man unterstützend eingreifen. Der Markt bietet heute vielfältige Möglichkeiten, durch Zugabe von Vitaminen und Mineralien, muskuläre Entspannung zu unterstützen. Je nach Situation ist das allerdings mit dem Tierarzt abzusprechen. Wenn eine Grundentspanntheit erreicht ist, geht es an den Aufbau der Muskulatur. Oft ist es notwendig, dazu mit Longieren zu beginnen. Was das Longieren betrifft, gibt es sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. Die einen longieren ausschließlich mit Kappzaum. Die Pferde sind dabei nicht ausgebunden, traben und galoppieren meist „auseinandergefallen“ auf der Vorhand im Kreis, was für den Muskelaufbau nichts bringt, denn das Hinterbein ist dabei im Allgemeinen wenig aktiv. Darüber hinaus kommt damit nicht zur notwendigen Anlehnung. Wieder andere verwenden starre Ausbinder oder gar den Zügel und vergessen dabei, wie groß die Belastung auf Maul und Genick ist. Zügel geben nicht nach, Ausbinder so gut wie garnicht. Dem Pferd wird beim jeden Tritt ein Schlag ins Maul und aufs Genick versetzt. Das sorgt weder für Losgelassenheit, noch traut sich das Pferd, das Gebiss anzunehmenoder gar sich zu entspannen. Ich persönlich longiere am liebsten mit einem Dreieckszügel. Dabei wird dieser so lang verschnallt, dass sich das Pferd an der Longe in die Tiefe strecken kann. Die Nase kann dabei vor die Senkrechte Höhe Buggelenk in Dehnungshaltung kommen. Sollte man wie ich mit
Dreieckszügeln longieren, ist darauf zu achten, dass sie so verschnallt sind, dass das Pferd – sollte es übermütig sein – nicht in die Dreieckszügel hineinspringen kann. Das kann zu Verletzungen führen. Darüber hinaus sind Handschuhe und festes Schuhwerk Pflicht. Die Longierpeitsche dient dabei nicht dazu, das Pferd zu strafen, sondern dafür, das Hinterbein aktiv zu halten und ein mögliches Umdrehen des Pferdes an der Longe zu verhindern. Es gibt Pferde, die in Schmerz-/Stresssituationen an der Longe bocken oder steigen und dann auf
dem Absatz kehrt machen. Das kann man mit Hilfe der Peitsche verhindern.
hh
Neben dem korrekten Longieren, hilft auch die Arbeit an der Hand. Hierbei kann man erste Lektionen wie Schenkelweichen, Halten – Rückwärtsrichten, daraus anführen und wieder Rückwärtsrichten üben. Zum einen helfen diese Übungen, Muskeln zu lockern und zum
anderen kann sie das Pferd mit Unterstützung der Stimme schon einmal verinnerlichen.
Später unter dem Reiter lernt das Pferd schnell, das Kommando mit der Hilfe zu verbinden. Wenn man die Arbeit an der Hand selbst nicht beherrscht, sollte man sich professionelle
Unterstützung suchen. Dem Ausbilder sollte man dann erklären, dass es nicht um Piaffe und
Passage geht, sondern um die Grundlagen des Lösens bei der Arbeit an der Hand. Die Arbeit
an der Hand ist eine gute Ergänzung zur Arbeit unter dem Sattel, aber Fehler machen mehr
kaputt als es bringt. Beim Reiten selbst heißt es jetzt erst einmal, zu den Grundlagen zurück zu kehren. Dazu gehört als eine der wichtigsten Übungen überhaupt, die man bei jedem Training und auch bei jedem Ausbildungsstand immer wieder einbinden sollte: Das Zügel aus der Hand kauen lassen.
hh
Kissing Spines
Kissing Spines
Um das bis zur Perfektion zu üben, bietet sich auch die Arbeit im Gelände an. Ob auf großen
gebognen Linien, ob auf langen Wald oder Wiesenwegen, Zügel aus der Hand kauen lassen
ist ein unverzichtbares Werkzeug, das jeder Reiter beherrschen sollte und jedes Pferd
erlernen muss. Das Pferd lernt, den Rücken herzugeben, aktiv mit dem Hinterbein abzufußen, an die Hand heran zu treten und alle Muskeln korrekt zu belasten. Darüber hinaus kann es sich
entspannen. Bei korrekt gerittenem Zügel aus der Hand kauen lassen kommt das Pferd in eine Dehnungshaltung, bei der sich die Nase Höhe Buggelenk an der Senkrechten oder idealerweise noch ein wenig davor befindet. Beim Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle sogar bis 10 cm über den Boden. Das Pferd tritt dabei aktiv mit dem Hinterbein unter den Schwerpunkt und der Rücken des Pferdes kommt zum Schwingen (man sagt auch, der Rücken ist hergegeben). Bei einem korrekt ausgeführten Zügel aus der Hand kauen lassen werden alle Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke im Körper des Pferdes korrekt belastet, Verspannungen gelöst, innere und äußere Losgelassenheit erreicht. Da Zügel aus der Hand kauen lassen ein Kriterium für die korrekte Ausbildung eines Pferdes ist, sollte es zu den ersten Übungen gehören, die man in der Bahn wie im Gelände immer wieder einbindet, und zwar nicht nur zu Beginn und zum Ende des Trainings, sondern auch zwischendurch.
Noch vor 50 – 60 Jahren war es selbstverständlich, dass beim jungen wie beim alten Pferd
während des Trainings mehrere Mal Zügel aus der Hand kauen lassen geritten wurde. Dabei
kann und konnte sich das Pferd strecken, entspannen. Verspannungen, Rückenprobleme und
Folgeerkrankungen gab es viel weniger als heute und das, obwohl die Pferde zu dieser Zeit bei weitem nicht die Rittigkeit aufwiesen, die für uns heute so selbstverständlich geworden ist. Der Rücken ist das Bewegungszentrum des Pferdes. Ist dieser verspannt, kommen wir weder
zum Sitzen noch zum Treiben; noch können Lektionen korrekt ausgeführt werden. Das scheint heute mehr und mehr vergessen zu werden.
Ob bei der Arbeit im Gelände, auf dem Platz oder in der Halle, es gilt immer:
  • Habe ich mich mit der Versammlung beschäftigt, muss danach ein Zulegen und ein Zügel aus der Hand kauen lassen erfolgen!
  • Habe ich Lektionen geritten, sollte das Rauskauen lassen danach als Entspannung dienen!
  • Schrittpausen während des Trainings und zum Abschluss dienen zum Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle.
  • Lösungs wie auch Abschlussphase eines jeden Trainings beginnen und enden mit Zügel aus der Hand kauen lassen in allen drei Grundgangarten. In Perfektion wird der Zügel dann bis fast zur Schnalle herauskauen gelassen!
Früher ging man sogar soweit,dass die junge Remonte fast ausschließlich am längeren Zügel
geritten wurde und das über den Zeitraum des ersten, teilweise zweiten Ausbildungsjahres. Das vermied Verspannungen. Ausschließlich ältere Pferde mit entsprechendem Ausbildungsstand wurden mit kürzeren Zügeln und in Aufrichtung geritten und auch das nur phasenweise. Im versammelten Schritt, versammelten Trab und versammeltem Galopp mit gesenkter Hinterhand und in korrekter relativer Aufrichtung. Die Pferde beherrschten irgendwann alle Lektionen, die wir heute in den höheren Ausbildungsklassen sehen. Nur vermutlich war die Ausführung der Lektionen im Vergleich zu heute losgelassen…
Beherrscht man ein Zügel aus der Hand kauen lassen, gehören auch Übergänge und
Tempounterschiede (Zulegen und Einfangen) zu sinnvollen und gut nutzbaren Trainingsfolgen. Dabei wird der Rücken locker, das Hinterbein aktiv und das Pferd konzentriert sich auf den Reiter. Beachtet man dabei die stete
Anlehnung, sind Sitz und Einwirkung korrekt,
sind Übergänge und Tempounterschiede ideal, um Rückenprobleme zu beseitigen.
Große gebogene Linien, Zirkel und das Reiten von Achten in der Lösungsphase verbessern
nicht nur die Rippen geschmeidigkeit, sondern unterstützen das Geraderichten. Auch helfen sie dem Pferd, an den äußeren Zügel heranzutreten. Dabei ist es wichtig, dass die äußere Hand soweit vorgeht, dass die Stellung des Halses zugelassen wird, die Verbindung muss jedoch erhalten bleiben. Die innere Hand sollte nicht rückwärtswirken, so dass sie weder inneres Hinterbein noch innere Schulter blockiert, aber auch hier muss die Anlehnung
erhalten bleiben. Denn die korrekte Anlehnung sorgt dafür, dass das Pferd mit aktiv
abfußendem Hinterbein von hinten nach vorne in die Hand schwingen kann.
Halbe Paraden: Wie früher sind auch heute korrekte halbe Paraden, vermehrt am äußeren Zügel notwendig, damit das Pferd da Gebiss annehmen kann. Sie helfen darüber hinaus Pferde im Genick zum Nachgeben und zum Fallen lassen des Halses aufzufordern, Gangart und Tempo zu
verringern, zu regulieren und das Gebiss anzunehmen, neue Lektionen und Übergänge einzuleiten, die Versammlung zu verbessern, zu erhalten und die relative Aufrichtung zu erreichen. Sie werden alle zwei bis drei Schritte, Tritte oder Sprüngen am äußeren Zügel
gegeben und enden mit einem gefühlvollen Nachgeben der inneren Hand.
Die Lektionen: Eigentlich ist es einfach. Man muss nicht unendlich viele Lektionen beherrschen oder reiten, um Rückenprobleme beim Pferd zu vermeiden. Allein Übergänge und Tempounterschiede, Seitengänge (wie Schulterherein, Travers, Renvers langgezogene Traversalen), gebogene Linien und das in Verbindung mit Zügel aus der Hand kauen lassen sorgen dafür, dass das Pferd durch den Körper schwingt, sich los lassen kann.
Der Sattel: „Die heute sehr gefragten Tiefsitzsättel sind ein weiteres Problem. Sie geben dem Reiter das Gefühl, er würde tief und fest im Sattel sitzen. Das einzige, was mit diesen Sattelsystemen jedoch erreicht wird, ist ein Feststellen des Beckens, ein Einklemmen des Reiters in einer quasi unbeweglichen Position. Darüber ist dann ein weiterer Grundstein für fehlerhaftes Einwirken gelegt. Und was noch viel schlimmer ist: Dadurch, dass man als Reiter in einem solchen Sattel nicht mehr locker mit der Bewegung des Pferdes mitschwingen kann, ist auch das Pferd in seiner Bewegung eingeschränkt. Verspannungen und erste Rückenprobleme sind die häufige Folge.
Sitz und Einwirkung: Steinbrecht schrieb in seinem Buch „Gymnasium des Pferdes“ schon im Jahre 1884 ausgiebig über Sitz und Einwirkung. Auch all’ die anderen großen Reitmeister der Vergangenheit maßen dem Sitz eine zentrale Bedeutung bei. An der Spanischen Hofreitschule müssen die Lehrlinge zu Beginn ihrer Ausbildung noch heute über Monate Sitzunterricht an der Longe nehmen, und zwar so lange, bis sie von der Hand unabhängig sitzen können. Erst dann dürfen sie in die „normale“ Reitbahn. Auch nach dieser Zeit gehört die permanente Sitzkorrektur über Jahre zur Ausbildung. Das beweist, dass der korrekte Sitz noch immer
die Grundvoraussetzung ist, um gefühlvoll auf sein Pferd einwirken zu können und korrekte Hilfen geben zu können. Ein korrekter Sitz zeichnet sich dadurch aus, dass der Reiter im Schwerpunkt, losgelassen und unabhängig von der Hand sitzenkann. Dabei müssen Schultergelenk, Ellbogengelenk, Handgelenk, Hüftgelenk, Kniegelenk und Fesselgelenk des Reiters locker sein. Eine gedachte gerade Linie von den Schultern bis zum Absatz als tiefster Punkt und vom Ellenbogen bis zum Pferdemaul sollte man ziehen können.
Die Hilfengebung: Gefühlvolle Hilfengebung ist nur über den korrekten Sitz möglich. Die Positionierung der Schenkel passend zur jeweiligen Übung und Lektion sowie die ebenso gefühlvolle Handeinwirkung sind Voraussetzung, dass sich ein Pferd loslassen kann. Korrekte und fast unsichtbare halbe Paraden vermehrt am äußeren Zügel in Verbindung mit dem treibenden inneren Schenkel und der weichen inneren Hand ermöglichen dem Pferd
a) das Gebiss anzunehmen und sich davon abzustoßen
b) eine korrekte Anlehnung zu zeigen
c) elastisch von hinten nach vorne durch den Körper zu schwingen
d) die Halben Paraden durch den Körper bis zum Hinterbein durchzulassen
e) sich im Ergebnis loszulassen.
Wenn man diese grundlegenden Dinge berücksichtigt, sein Training für die Zukunft darauf
abstellt, dass sich das Pferd loslassen und entspannen kann, dann verschwinden Rücken probleme so schnell wie sie gekommen sind und Kissing Spines haben für die Zukunft keine
Bedeutung mehr. Sie sind zwar da und werden es bleiben, aber sie tun dem Pferd nicht mehr weh und man kann es, wenn man möchte bis auf S-Niveau ausbilden und bis in ein hohes Alter reiten.
Weitere Info’s über: Osteopathie, Die Aubildung, Weitere Krankheiten findet ihr hier.
Spannende Videos und noch mehr Informationen gibt es in unserer Mediathek.
mediathek
Anne Schmatelka

Anne Schmatelka

Gründerin bei los-gelassen.com
Pferdefachbuchautorin, freie Journalistin und Gründerin von los-gelassen.com
Anne Schmatelka

Letzte Artikel von Anne Schmatelka

12 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Artikel!
    Bei meinem Pony wurde vor kurzem Kissing Spines diagnostiziert, erstmal ein Schock. Aber was bleibt einem schon anderes über als daran zu arbeiten? Ohne Training wird alles schlimmer, so viel wusste ich. Nachdem ich mich damit abgefunden habe ganz langsam von vorne anzufangen habe ich begonnen eine Zeit lang zu longieren/Arbeit vom Boden bis er wirklich entspannt und wieder arbeitswillig war. Inzwischen fange ich langsam (10 Minuten Schritt,… Inzwischen 20 Minuten schritt mit Trab) an mich wieder in den Sattel zu setzen. Aber wenn ich ehrlich bin konnte mir niemand wirklich helfen wie man vorgehen soll. Longieren, Bodenarbeit,v/a . Ich habe alles aus meinem Gefühl heraus gemacht und auf mein Pony geachtet. Er wirkt zufrieden wieder unter dem Reiter laufen zu dürfen wenn auch momentan nur kurz. Nicht zu schnell zu viel verlangen, das führt nur 3 Schritte zurück. Dank Ihrem Beitrh fühle ich mich sicherer indem was ich tue und konnte endlich mal etwas fachlich richtiges zu dem Thema lesen was mich weitergebracht hat. Vielen Dank dafür ! 🙂

  2. >>Die Remonte war früher vier bis fünf Jahre alt, wenn sie unter den Sattel kam. Die Knochen und Gelenke waren dann schon viel stabiler und gefestigter als sie es mit drei Jahren (das heute übliche Alter zum Einreiten) überhaupt sein können. <<….wie kommen Sie darauf? Auch "früher", wann immer das auch ist bei Ihnen, wurden die Pferde 3 jhr. angeritten, gingen im Herbst sogar schon die berühmten "Trakehner Jagden" mit, sie wurden aber altersgemäß weiter geritten ausgebildet und trainiert, und nicht verkaufsmäßig zusammen geknallt!
    Ansonsten guter Artikel

  3. Die ganzheitliche Betrachtung des Themas ist interessant, gut und wichtig. Allerdings hätte mich vor allem am Beispiel des offensichtich weiter ausgebildeten 20-jährigen Wallachs mit Kissing Spines im finalen Stadium mehr als interessiert, wie ein tägliches Training oder ein Wiederaufbau-Plan aussehen kann. Wird es hierzu noch eine Folge geben?

    • Hallo,
      ich habe 2011 ein Buch zum Thema Rückenprobleme und Kissing Spines veröffentlicht. Es heißt „Über den Rücken“ und ist im Cadmos Verlag erschienen. In dem Buch findet man sehr viele Anregungen und Tipps. Der 20-jährige Wallach auf dem Foto wurde nicht mit 20 Jahren wieder antrainiert. Er hatte den Befund schon mit fünf Jahren. Durch ein kontinuierliches Reiten über den Rücken war er auch mit 20 Jahren noch fit und schmerzfrei. Das ist dann die Arbeit über Jahre. Auf unserer los-gelassen-mediathek finden Sie ebenfalls viele nützliche Tipps, wie man mit Pferden mit Rückenprobleme arbeiten und vorgehen kann. Sie gerne einmal reinschauen. Viel Spaß dabei. Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne nochmals melden. Viele Grüße

  4. Ich finden es erfreulich zu sehen, dass sich jemand die Zeit nimmt, dieses wichtige Thema im Ganzen (und mit einem langen Artikl) zu beleuchten – und das geht eben nicht in 3 Sätzen. Viele Faktoren sind zu beachten und sie sind alle gleich wichtig. Besonders aus der Seeel spricht mir die Forderung nach mehr Zeit und Ruhe in der Ausbildung der Pferde. Aber ich möchte auch gerne eine – hoffentlich konstruktive verstandene Kritik anbringen: Es ist keine Hexenwerk, Pferde am Kappzaum unausgebunden zu longieren, ohne dass sie auseinander fallen oder auf der Vorhand laufen. Jedes Pferd kann das lernen, wenn es ihm richtig beibebracht wird. Das ist allerdings der wichtigste Punkt: Das Pferd wird es nicht von alleine lernen, wenn man es nur lange genug im Kreis laufen lässt – Ich habe als Longenführer die Pflicht, ihm die Kreisbahn so zu „erklären“, dass es sich ohne Hilfszügel mit aktiver Hinterhand und in Dehnungshlatung auf ihr bewegen kann. Das dafür nötige Wissen und Handwerkszeug muss man sich natürlich – wie beim Reiten auch – von einem Profi beibringen lassen.

  5. Ich kann den Ausführungen nur zustimmen. Da ich und mein Pferd in der selben problematischen Lage (schmerzhafte Kissing Spines) waren . Aus Unwissenheit und falschen Zielen hatte sich die Lage so sehr verschlimmert , dass die Klinik uns noch ein Jahr gegeben hat. Nach dem Schock und einer totalen Umstellung vor allem von meiner Seite, wurde mein Pferd wieder zu einem schmerzfreien Reitpferd. Mein Pferd und ich haben hier einen Sieg errungen und leben seit 4 Jahren glücklich. Das Problem ist nicht verschwunden, aber durch bedachtes Reiten und longieren, kommen wir sehr gut klar. Ich muss sagen, dass ich Westernreiterin bin und es auch hier extrem wichtig ist eine ehrliche Losgelassenheit auch am losen Zügel zu erhalten. Daher danke ich für diese Ausführung. Da sie mir aus der Seele sprechen.

  6. Diese , etwas langwierig erscheinenden, Ausführungen, sprechen mir aus der Seele, bzw. sind in Gänze absolut richtig! ‚Langwierig‘ müssen sie sein, da das Thema nicht in 2 Sätzen abzuhandeln ist. Dazu ist es zu komplex, bzw. zuviele Faktoren sind zu berücksichtigen. Eigentlich schön für Alle die sich auf Osteopathie, Chiropractik etc. spezialisiert haben, der Markt boomt, schade nur, dass Deren Engagement nichts nützt, wenn Sie nicht das ‚Gesamtpaket‘ betrachten, bzw. dass es heutzutage überhaupt soviele Pferde gibt, die Deren Hilfe bedürfen. Das Problem dabei ist aber nicht nur Zeit und Geld, sondern auch absolut mangelndes Wissen und Sensibilität, Hilfe wird erst gerufen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist! Sicher gibt es kein’Schema F‘, nachdem alle Pferde in einer bestimmten Zeit dies oder jenes erlernen können. Ich bin mir aber sicher, dass man die heutigen hochtalentierten Pferde schon frühzeitig gut und gesundheitsschonend trainieren kann. Man muss aber dann die 3 jährigen an der Longe so vorbereiten, dass Sie, zum Ztpkt. des Einreitens tatsächlich einen ‚Reitertragfähigen‘ Rücken ausgebildet haben. Natürlich muss sich auch die weitere Förderung am Entwicklungsstand des Pferdes orientieren. Ich zumindest, habe mit meinen Zuchtpferden die Erfahrung gemacht, dass Sie leistungsbereit und willig sind , wenn die Konditionen stimmen, nur auf der Koppel rumstehen, fanden Sie langweilig! MfG Dr. Corinna Kröly

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here