Wie kann ich mit Massage- und Entspannungsgriffen mein Pferd entspannen?

Niedriger Stresspegel durch Massage oder Musik

Bei einer wissenschaftlichen Studie der Universität Lublin in Polen stellten Forscher an einer Gruppe von 120 Arabern, die auf ihre ersten Rennen vorbereitet wurden, Interessantes fest. Die Pferde wurden in drei Gruppen aufgeteilt, in eine „Musikgruppe“, eine „Massagegruppe“ sowie eine „Kontrollgruppe“. Über einen bestimmten Zeitraum sollten die Pferde sowohl im Training als auch im Rennen auf ihr Stresslevel untersucht werden.

Die Musikgruppe bekam 5 Mal wöchentlich 5 Stunden lang eine speziell komponierte Musik vorgespielt, die Massagegruppe wurde 3 Mal wöchentlich eine halbe Stunde vom Physiotherapeuten massiert. Das Futter sowie das Personal waren bei allen Pferden gleich. Alle Pferde gingen täglich eine Stunde im Training und nach 3 Monaten nahmen sie an ihrem ersten Rennen teil.

Bei der ersten Messung, die vor Beginn des 1. Trainings stattfand, gab es keine Unterschiede zwischen den Gruppen, aber schon bei der zweiten Messung stellt sich heraus, dass die Pferde der Massage- und Musikgruppe geringere Stresswerte als die der Kontrollgruppe zeigten. Pferde der Massagegruppe erzielten auch bessere Rennergebnisse als ihre Kollegen und langfristig waren die Pferde der „Massagegruppe“ noch besser entspannt als die die der „Musikgruppe“.

Es lohnt sich also sein Pferd  zu massieren. Die folgenden  Massage- und Entspannungsgriffe kannst du selbst bei deinem Pferd anwenden.

  1. Beginne am Hals mit dem Armkopfmuskel. Lege die rechte Hand auf den Widerrist und geh mit den Fingern der linken Hand an der
    Massagetechniken beim Pferd
    Mobilisierung des Armkopfmuskels

    Drosselrinne herunter bis zum Bug. (Das ist die Stelle an der der Hals in den Brustkorb übergeht.) Umgreife mit der ganzen Hand den Muskelbauch und ziehe ihn seitlich zu dir. Dabei wird das Pferd, wie in der Abbildung den Hals vorwärts-abwärts dehnen. (Zeigt das Pferd deutliche Abwehrreaktionen, kann es sein, dass die Muskeln und Gelenke des Halses extrem verspannt sind. Dann solltest du einen Therapeuten für Physio- oder Osteotherapie zu Rate ziehen).

  1. Faszien sind in aller Munde. Sie durchziehen ebenso wie beim Menschen auch den ganzen Körper des Pferdes. Damit sich alle Muskeln und Gewebe gut
    Faszienmobilisation des Schulterbereichs

    bewegen können, müssen sich ihre Faszien – sie sind das verbindende Gewebe – gut bewegen können.
    Greif gefühlvoll mit beiden Händen die Haut über dem Schulterblatt – das ist die Region vor der Sattelpausche – und ziehe sie zur Seite -, bewege sie unter Zug hin und her. Auch dabei soll dein Pferd entspannt den Hals fallen lassen.

  1. Greif in gleicher Weise wie bei Übung 2 mit beiden Händen in die Gurtlage deines Pferdes und bewege die Haut, die du gut im Griff deiner Hände
    Massage fürs Pferd
    Aufwölben der Sattellage durch Gewebezug mit den Händen

    hältst, hin und her. Stehe in Höhe der Gurtlage oder weiter Richtung Vorderbein. Wenn deinem Pferd dieser Griff sehr unangenehm ist, wird es das Hinterbein anheben als wenn es eine Fliege verscheuchen wollte. Passe die Intensität deines Griffes auf jeden Fall der Akzeptanz deines Pferdes an. Beobachte dabei die Sattellage deines Pferdes. Dort sollte es sich aufwölben und auch den Hals dehnen. Widersetzt es sich, musst du davon ausgehen, dass dein Pferd Schmerzen hat. Dann solltest du einen Therapeuten hinzuziehen.

  1. Immer wieder dankbar sind uns die Pferde, wenn wir ihre Kruppenmuskeln massieren. Sie müssen locker sein, damit es dem Pferd leicht fällt das Hinterbein nach vorne unter den Schwerpunkt zu setzen und dabei den Rücken aufzuwölben. Stell dich seitlich an dein Pferd in Höhe des Hinterbeins. Lege die Fingerspitzen etwa eine Handbreit neben der Mittellinie auf den Kruppenmuskel, dort wo die Kruppe beginnt schräg nach hinten abzufallen.
    Drücke die Fingerkuppen in den Muskel und bewege langsam das Gewebe – den Druck immer beibehaltend – hin und her. Rutsche aber nicht mit den Fingern über die Haut sondern bleib im Muskel. Nach einigen Hin- und Herbewegungen geh mit den Fingern in die Nachbarregion bis zur Schweifrübe. Du wirst einige Stellen spüren, an denen der Muskel besonders fest ist. Diese Stellen massierst du dann etwas länger.

    Kruppe des Pferdes massieren
    Massage der Kruppenmuskulatur

    Nimm dabei die Reaktionen deines Pferdes wahr! Es kann sein, dass es sich neugierig mit dem Kopf umwendet und dir auf die Finger schaut. Lass es auf jeden Fall zu!
    Es kann auch sein, dass es sich im Hals mehr und mehr dehnt und genüsslich mit den Lippen spielt. Möglicherweise knabbert es dankbar für deine gute Tat – auch der Halterin den ganzen Arm hoch und herunter. Und schließlich wird es das Hinterbein entlasten und drückt dir vielleicht sogar das ganze Hinterteil entgegen als ob es sagen wollte, „ ja, da ist es gut, ich helfe ja mit, dort benötige ich deine tiefe Massage besonders“. Zwei bis drei Minuten Massageanwendungen auf jeder Seite sind ausreichend und du wirst staunen, was dir dein Pferd dabei „erzählt“. Häufig wirst du auch spüren, dass die Muskulatur auf einer Seite deutlich fester ist.

  1. Zum Schluss deiner Wohlfühlgriffe lege die linke Hand auf den Widerrist, stell dich in Höhe der Gurtlage seitlich ans Pferd und greif vorsichtig die Haut – und damit auch die Faszie – vom hinteren Schenkel deines Pferdes. Hebe gefühlvoll die Haut ab und bring sie mehr und mehr auf Dehnung. Beobachte dabei dein Pferd; es soll sich schließlich wohlfühlen. Es kann sein, dass es sein Hinterbein anhebt, dann verringer den Dehnungszug. Lässt es dann das Bein hängen, kannst du die Dehnung wieder leicht verstärken.
    Faszien beim Pferd massieren
    Faszienmobilisation im Hüftbereich

    Wenn du anschließend reitest, achte unbedingt darauf, dass du die Zügel lang genug lässt, dass dein Pferd nicht hinter die Senkrechte kommt und dass deine Bügel kurz genug sind, so dass du beim Leichttraben wirklich federnd aufstehen kannst. Das Hinsetzen während des Leichttrabens ist ebenso wenig ein Sitzen mit ganzem Gewicht auf dem Pferderücken wie das Aussitzen. Habe immer das Bild im Kopf, dass du den Rücken deines Pferdes entlasten und die Bewegung unter dem Gesäß „durchlassen“ musst.
    „Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel“ heißt der Titel des Buches von Eberhard Hübener, zu dem kein geringerer als Reiner Klimke das Geleitwort geschrieben hat.

Mit diesen Techniken kannst du nicht nur deinem Pferd etwas Gutes tun, sondern gleichzeitig entsteht durch die regelmäßige Entspannung eine höhere Leistungsbereitschaft für das Training. Nimm dir und deinem Pferd zwischendurch eine Auszeit und wende die Massagegriffe an. Und nun wünsche ich „gut Ritt“.

Beatrix Schulte Wien, Gründerin des DIPO -Deutsches Institut für Pferdeosteopathie

Beatrix Schulte Wien

Beatrix Schulte Wien

Human- und Pferdeosteotherapeutin, Gründerin und Leitern des Deutschen Instituts für Pferdeosteopathie (DIPO)

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