Tori

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Der Tori – eine estnische Pferderasse mit geringer Verbreitung

Der Tori wird auch als Torgelsches Pferd bezeichnet und ist eine aus Estland stammende Pferderasse, die fast ausschließlich in ihrer Heimat und nur noch gering verbreitet ist. Der ursprüngliche Typ eines schweren Warmbluts wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts gezüchtet und baut auf der Rasse Estnischer Klepper auf. Entscheidend für die Entwicklung dieser Rasse als eigenständige Pferderasse war die Gründung eines Gestüts im namensgebenden Ort Tori im Jahr 1856.

Es diente der Zucht eines als Arbeits-, Fahr- und Reitpferd geeigneten Pferdes, das vielseitig einsetzbar und an die klimatischen Bedingungen Estlands angepasst sein sollte. Heute gibt es drei Zuchtrichtungen, darunter der Typ A, der einem schwereren Arbeitspferd für die Landwirtschaft entspricht, und Typ B, ein leichtes Wagen- und Sportpferd, das sich für den Fahr- und Reitsport eignet. Die dritte Zuchtrichtung umfasst den sogenannten Alt-Tori, den ursprünglichen Typ des Tori, der besonders in seinem Bestand bedroht ist.

Das Exterieur – der Tori und seine verschiedenen Pferdetypen

Beim diesem Pferd sind zwei verschiedene Zuchtrichtungen beziehungsweise Pferdetypen maßgeblich. Der als Arbeitspferd für die Landwirtschaft gezüchtete Typ A steht hinsichtlich seines Erscheinungsbilds am Übergang von einem schweren Warmblut zu einem leichten Kaltblut. Der Typ B entspricht hingegen einem normalen Warmblut und wird als leichtes Sport- und Wagenpferd für den Reit- und Fahrsport gezogen. Diese beiden neueren Zuchtrichtungen sind vom alten Schlag zu unterscheiden, der ursprünglichen Pferderasse, die heute als Alt-Tori bezeichnet wird und den reingezogenen Typ des Tori vor 1945 widerspiegelt. Dieser wird seit 2012 wieder in einem eigenständigen Zuchtbuch erfasst und zählt zu den seltenen schweren Warmblutrassen.

Das Tori erreicht ein Stockmaß von 162 bis 168 Zentimetern und präsentiert sich mit einem kräftigen Gebäude. Im Alter von drei Jahren ist eine Widerristhöhe von 158 bis 166 Zentimetern maßgeblich. Charakteristisch sind ein proportional passender, großer Kopf, der in einen nicht zu kurzen und kräftigen Hals übergeht, sowie eine gefällige Rückenlinie und ausgeprägte Kruppe. Ebenso markant und stabil zeigt sich auch das Fundament mit seinen sehr kräftig gebauten und trockenen Gliedmaßen, gut akzentuierten Gelenken und festen Hufen. Die Röhrbeine haben einen Umfang von 22 bis 24 Zentimetern. Hinsichtlich der Fellfarbe kommen beim Tori meist Füchse in allen Schattierungen vor. Neben dieser meist typischen Färbung treten jedoch auch Braune, Rappen und selten auch Isabellen auf.

Der Tori und sein Interieur

Das Tori zeichnet sich durch eine ausgeprägte Zugkraft, eine gute Futterverwertung und eine hohe Langlebigkeit aus. Es ist sehr ausdauernd, robust und fruchtbar und selbst in höherem Alter noch gesund und agil. Typische Pferdekrankheiten wie die Hufrollen-Entzündung oder das Sommer-Ekzem wurden bislang nicht registriert. Mit seinem guten und ruhigen Charakter ist der Tori hervorragend als Reit- und Fahrpferd geeignet, zumal er sich sehr nervenstark und menschenbezogen zeigt.

Herkunft und Zuchtgeschichte des Tori

Die Zuchtgeschichte der Pferderasse Tori geht auf die Gründung eines staatlichen Gestüts in der gleichnamigen, estnischen Gemeinde Tori (deutsch: Torgel) zurück. Auf dem Gut Tori wurde im Jahr 1856 von deutschbaltischem Adel eine Pferdezucht begonnen, die den Anforderungen des Bauernstandes an ein robustes Reit- und Fahrpferd entsprechen sollte. Das Zuchtziel bestand in einer Rasse, die sich ebenso unter dem Reiter wie im leichten Zug gut präsentieren und zugleich an die harten klimatischen Bedingungen des Landes angepasst sein sollte.

Die Grundlage der neuen Zucht bildeten 50 Stuten der Rasse Estnischer Klepper und 50 finnische Klepperstuten, die aufgrund des Mangels an geeigneten estnischen Stuten importiert wurden. Einen adäquaten Ersatz stellten die finnischen Stuten jedoch nicht dar. Wegen schlechter Zuchtergebnisse wurden sie schon bald wieder von der Zucht ausgeschlossen. Als ein noch erheblicheres Problem erwies sich hingegen die Suche nach geeigneten Zuchthengsten, da der Großteil der Hengstfohlen von den Bauern schon früh kastriert wurde. Daher griffen die Züchter neben Klepperhengsten auch auf Araber zurück, die jedoch ähnlich wie die finnischen Stuten nicht zur gewünschten Zuchtentwicklung führten. Die Nachkommen waren für die Anforderungen der Landwirtschaft zu leicht gebaut.

Daraufhin erfolgten weitere Zuchtmaßnahmen durch die Zuführung von Englischen Halbblütern, Ardennerhengsten, Orlow-Trabern und Ostfriesen, ehe mit Hetman, einem polnischen Hengst, im Jahr 1894 ein geeigneter Zuchthengst gefunden wurde, der als Stammvater des Tori gilt. Er war maßgeblich für die Zuchtentwicklung, vererbte das einheitliche Aussehen und begründete mit seiner Anpassungsfähigkeit und seinem Arbeitswillen das positive Interieur der Rasse.

Zugleich ging die starke Fokussierung auf Hetman mit einer zunehmenden Inzucht einher, sodass erneut eine Einführung von Ostfriesen und später von Postierhengsten erfolgte. Ab 1930 wurden die fünf Postier-Bretonen-Hengste Uhke, Tugey, Sammur, Loots und Virk eingekreuzt, auch um den Tori an die neuen Anforderungen der wachsenden Landwirtschaft anzupassen und ein wuchtigeres Kaliber zu erzielen. In der Tat zeigte sich die Pferderasse etwas kräftiger und stämmiger, ohne jedoch ihr einheitliches Erscheinungsbild und ihre schwungvollen Bewegungen zu verlieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die zwischenzeitlich in den Kriegswirren stark zurückgegangene estnische Pferdezucht in sowjetischer Hand wieder aufgebaut. Bedeutend waren insbesondere die Registrierung des Tori als eigenständige Pferderasse im Jahr 1950 und die Auflage des Gestütbuchs 1951. Da die Nachfrage nach Tori-Pferden für die Landwirtschaft immer mehr zurückging, wurden ab den 1960er Jahren Versuche unternommen, die Rasse zu einem modernen, vor allem für das Springen geeigneten Sportpferd weiterzuentwickeln. Zu diesem Zweck wurden zwölf Sportpferderassen aus Europa zur Zucht zugelassen, darunter Hannoveraner, Oldenburger und Holsteiner, aber auch das Englische Vollblut und Trakehner.

Ab 1970 erfolgte beim alten Schlag, der nicht zu einem Sportpferd umgezüchtet werden sollte, eine weitere Anpassung durch Einkreuzungen, um eine Inzucht zu vermeiden. Hierzu wurden die vom Typ her ähnlichen Alt-Hannoveraner behutsam zugeführt. Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 bedeutete nicht nur für Estland, sondern auch für die Pferderasse Tori einen erheblichen Umbruch. Ganze Zuchtbestände wurden zu Schlachthöfen transportiert und vernichtet.

Heute ist der Bestand des reingezogenen Typs, der dem aus der Zeit vor 1945 entspricht und inzwischen als Alt-Tori bezeichnet wird, gefährdet. Der ursprüngliche Tori soll aufgrund seiner Bedeutung als estnisches Kulturgut und seines Beitrags zur genetischen Vielfalt erhalten bleiben und wird seit 2012 als dritte Zuchtrichtung in einem eigenständigen Zuchtbuch geführt. Die Alt-Tori-Zucht ist auf den Erhalt des Genpools ausgerichtet und gestattet daher nur einen Fremdblut-Anteil von 25 Prozent, der ausschließlich auf die typähnliche Rasse Alt-Hannoveraner zurückzuführen sein darf. Damit das originale Erscheinungsbild der gefährdeten Alt-Toris bestehen bleibt, ist nur das Fremdblut der in den 1970er Jahren eingekreuzten Alt-Hannoveraner-Hengste Algus, Delfiin, Difer, Farda, Funduk, Günther, Kiirus und Kraver erlaubt.

Der Tori und seine Einsatzmöglichkeiten

Der Tori wird seit jeher vielseitig verwendet und kommt ebenso als Arbeits- wie als Reit- und Fahrpferd zum Einsatz. Mit seinem menschenbezogenen, guten Charakter zeigt er sich als ruhiger Partner für das Freizeitreiten. Besonders geschätzt werden die Pferde nicht zuletzt für ihren raumgreifenden Schritt, den schwungvollen Trab und die kraftvollen Gänge. Diese Eigenschaften und die gute Aufrichtung und Körperhaltung machen auch eine Verwendung für die klassische Dressur denkbar.

Besonderheiten

Im Jahr 2011 umfasste der Bestand der Alt-Tori in Estland rund 200 Pferde mit einem Alt-Hannoveraner-Anteil von maximal 25 Prozent und etwa 70 reingezogene Pferde. Zugleich konnte nur noch auf zwölf eingetragene Stuten im für die Zucht wichtigen Alter von drei bis 15 Jahren zurückgegriffen werden. Seit der Einführung des Zuchtbuchs 2012 gibt es verstärkte Bemühungen zum Erhalt des ursprünglichen Tori-Typs. Das Alt-Tori-Pferd wird rein in Privatzuchten erhalten und steht in keinem Bezug mehr zum staatlichen Gestüt Tori. Dieses ist leider in einer Art Auflösung begriffen. (Stand: Mai 2017)

 

Text mit freundlicher Untersützung von Ute Wohlrab www.alt-tori.de

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