Leider passen Jacke und Schabracke nicht perfekt zusammen - war wohl nicht die gleiche Kollektion...
Leider passen Jacke und Schabracke nicht perfekt zusammen – war wohl nicht die gleiche Kollektion…

Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Ich persönlich finde das sehr gut. Die Auswahl an Farben, Formen, Schnitten und Designs ist schier unbegrenzt und es gibt nichts, was nicht erlaubt ist oder was es nicht gibt – da ist für jeden etwas dabei. Das zählt auch für die Reitmode. Gut, manche Trends würde ich im Leben nicht mitmachen und sehr gerne verbieten, weil sie bei mir Augenkrebs verursachen, aber ich bin sicher, dass irgendjemand beim Anblick meines Kleiderschrankes ebenfalls die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Somit gilt modetechnisch bei mir die Devise: Jedem das seine.

In meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich im Stall meine alten Kleidungsstücke aufgetragen oder irgendwelche kostengünstigen und teilweise ziemlich grässlichen Klamotten zur Schau gestellt. Inzwischen ist der Reitstall zum Runway avanciert: Reitmode ist in den letzten Jahren „trendy“ geworden, es werden aufeinander abgestimmte Outfits kreiert, mit Farben und Schnitten gespielt und neue Fashiontrends gesetzt. Ich sehe diese Entwicklung recht entspannt und gehe an manchen Tagen trotzdem mit meinem uralten Mickey-Mouse-T-Shirt zum Pferd. Ich will reiten und keinen Fashion-Adward gewinnen. Bei mir bestehen Outfits nicht aus einer, sondern aus mindestens vier verschiedenen Farben und wenn ich meinen Stall-Kleidungsstil beschreiben müsste, wäre es vermutlich eine Mischung aus Shabby Chic und alternativ. Ich plane nicht im Voraus, welche Schabracke ich heute benutze und welche Reithose ich dann dementsprechend anziehe. Manchmal passt es perfekt zusammen  (das ist dann großer Zufall), meistens wird es aber ziemlich bunt. Hauptsache, es ist praktisch, sitzt gut und kann dreckig werden!

Natürlich bin ich nicht blind und lebe auch nicht fernab jeder Zivilisation. Ich finde die neue Reitmode durchaus schick und schmachte manches Mal den Stallkolleginnen hinterher, die sich Ton in Ton stylen und die aktuellste Kollektion an Pferd und Reiter präsentieren. Sieht schon schmuck aus. Könnte mir auch gefallen. Aber spätestens beim Zusammenrechnen der Outfitpreise denke ich, dass meine alte Reithose trotz Pilling doch noch völlig in Ordnung ist und die schon etwas betagte Stalljacke noch einen Winter überstehen wird. Abgesehen davon kommt wenige Wochen später bereits die nächste, brandheiße Kollektion auf den Markt – und das ach so hübsche Set ist prompt wieder out. Außerdem sehe ich im Stall leider nicht wie viele andere Mädels aus wie frisch aus dem Ei gepellt, sondern wie ein kleines Schweinchen. Da passen die stylischen Klamotten nicht so richtig ins Bild. Darüber hinaus bin ich kein Model und besitze auch keine entsprechenden Maße – mancher Modetrend steht mir einfach nicht. Oder der Hintern will nicht reinpassen…

Abgesehen davon muss man ja auch mal sagen: Was stylisch aussieht, ist nicht automatisch auch stilvoll. Manchmal denke ich mir, dass der ein oder andere lieber seinem eigenen Stil treu bleiben sollte, anstatt jedem neuen Styletrend hinterherzuhechten. Die Phase mit der ockerfarbenen Herbstmode habe ich zum Beispiel ausgelassen, denn diese Farbe tut absolut gar nichts für mich und meine Figur. Ähnliches gilt für mein Pferd: Das wurde auch nicht in Neon-Farben ausgestattet, als das gerade der neueste Schrei war. Wenn ich im Dunkeln gesehen werden will, kaufe ich Reflex-Artikel, dafür brauche ich keine neongelbe Schabracke. Die steht meinem Schimmel nämlich genauso schlecht wie die Farbe weiß. Leider scheint vielen nicht bewusst zu sein, dass man mit dem Erwerb der aktuellsten Kollektion nicht automatisch auch Stil erwirbt – den muss jeder für sich selbst entwickeln.

Voll stylisch, aber leider ziemlich stillos. Rosa ist nicht des Schimmels Farbe!
Voll stylisch, aber leider ziemlich stillos. Rosa ist nicht des Schimmels Farbe!

Manches Mal sehen Pferd und Reiter in der neuen, ach so brandheißen Kollektion nicht stylisch, sondern einfach nur verkleidet aus. Auf die vorsichtige Nachfrage, warum man denn jetzt die vierte Reithose und siebte Schabracke in drei Wochen im Stall ausführt, erhält man dann die Antwort „Das ist gerade in. Die neue Kollektion von XY. Jeder hat das jetzt!“ Das ist in meinen Augen nicht Sinn der Sache – es gibt eine solch große Auswahl, warum tragen dann doch alle wieder das Gleiche?

Besonders schlimm wird es, wenn sich zu dem Gruppenzwang („Das tragen jetzt alle!“) auch noch der Markenwahn hinzugesellt („Das ist von XY!“) Es gibt unzählig viele, wirklich tolle Marken im Reitsport, deren Preise aufgrund hochwertiger Qualität und Verarbeitung durchaus berechtigt sind. Deswegen kaufe ich die neuen Artikel trotzdem nicht, wenn sie meinem Gusto nicht entsprechen. Da ist es mir dann auch egal, welcher Name draufsteht und ob das jetzt jeder hat. Was mir nicht gefällt, wird nicht gekauft. Basta! Echte Fashionistas hingegen drehen völlig durch, wenn der Verkaufsstart einer neuen Kollektion ansteht. Es entsteht ein regelrechter Kaufrausch, schließlich braucht man neben der Schabracke auch die Bandagen und die Abschwitzdecke der jeweiligen Kollektionsfarbe. Am besten auch die Transportdecke. Und die Outdoordecke. Transportgamaschen nicht zu vergessen. Und die Fliegenmütze!

Schlussendlich hängt dann die 27. Schabracke ordentlich einsortiert im Kleiderschrank. Natürlich nicht zum Benutzen, nur zum Besitzen. Für manche Stücke hat manch einer mehr gezahlt als für die monatlichen Reitstunden. Bei einem solchen Sammlerwahn werde ich leicht nervös – ist das noch normal? Muss das so? Brauche ich auch einen extra Schrank für meine Schabracken? Und wie erkläre ich das meinem nicht-pferdischen Freund?!

Vielleicht bin ich einfach altmodisch und unstylisch, aber manchmal kann ich beim Konsumverhalten mancher Reiter nur den Kopf schütteln. Ich sehe auch gerne gut aus. Ich trage auch gerne schöne Kleidung, egal ob privat oder im Stall. Aber wenn ich mir etwas Neues gönne, wird das erstmal ein paar Monate bis Jahre getragen. Damit bin ich dann natürlich nicht Up to Date, sondern ziemlich hinterher. Dafür habe ich meinen eigenen Stil – der ist sicherlich nicht immer stylisch und gefällt bestimmt auch nicht jedem. Aber ich muss mir zumindest nicht vorwerfen lassen, dass ich jemandem etwas nachkaufe oder jemanden nachahme. Und ich muss mir auch selbst keine Gedanken um Nachahmer machen, denn mein altes Mickey-Mouse-T-Shirt ist inzwischen garantiert ein Unikat!

In diesem Sinne, liebe Reiter(innen): Seid stylisch UND stilvoll und folgt eurem eigenen Geschmack! Macht euch nicht von der Meinung anderer abhängig. Die Modewelt hat so vieles zu bieten, also pickt euch das heraus, was euch gefällt. Denn: Ein bisschen Individualität steht jedem gut!

Ann-Christin Villnow

Ann-Christin Villnow

Die Liebe zum Schreiben mit dem Reitsport vereinen - geht das? Klar! Schaut auf meinem Blog vorbei und verfolgt den gemeinsamen Weg von meinem Pferd Wunschkind und mir!
Ann-Christin Villnow

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